Stadt Traunstein

Start > Geschichte & Brauchtum > Stadtgeschichte

Kleiner Ausflug in die Stadtgeschichte

von Franz Haselbeck

 

Ich wollte, daß doch alles gleich zu Stein werde! Da - man läutete in Haslach gerade zum Gebet - ward mit einem Mal Mann und Roß und Wagen in einen großen Stein verwandelt, dessen Überreste noch heute als Traunstein an jener Stelle zu sehen sind." Daß der markante Felsblock unweit der Traun an der östlichen Ortseinfahrt die Phantasie der Menschen zu allen Zeiten beflügelte, ist naheliegend. Tatsächlich aber weisen der Flußname "Traun" zusammen mit dem für Burgen und feste Plätze stehenden "Stein" weder auf einen versteinerten Fuhrmann, noch auf einen Steinwurf des Teufels oder ähnliche Mythen hin, sondern lediglich auf eine Burg oder Siedlung an der Traun.

 

Urbarbuch von 1245
In einem 1245 angelegten Urbarbuch (Güterverzeichnis) des Klosters Baumburg wird "Trauwenstain" erstmals expressis verbis genannt.


Frühgeschichte

Güterverzeichnisse der Salzburger Kirche nennen bereits um das Jahr 790 Besitzungen ad Trun - die Traunsteiner Nachbarorte Kammer, Surberg und Vachendorf erfahren dort ihre erste Erwähnung. Auch mittelalterliche Wehranlagen, sogenannte "Burgställe", lassen sich ab dem 10. Jahrhundert in der näheren Umgebung nachweisen, so zum Beispiel die sagenumwobene Burg Lenzisberg am Hochberg. Über Traunsteins Frühzeit hingegen liegt dichter Nebel. Dieser lichtete sich in den letzten Jahren zumindest soweit, dass die Herren de Truna, bis 1242 regelmäßig in Urkunden benachbarter Klöster dokumentiert, sicher mit dem Ort in Verbindung gebracht werden können. Denn die an der Stelle der Veste, der späteren bayerischen Herzogsburg vermutete "Trunaburg" als Keimzelle der Stadt ist inzwischen eine durch archäologische Grabungen weitgehend abgesicherte historische Tatsache. "Offiziell" tritt Trauwenstain erstmals 1245 in die Geschichte ein: als iudicium (Gericht) und officium (Amt) des Klosters Baumburg, ein Hinweis auf frühe zentralörtliche Funktionen. Mit dem 1275 geschlossenen (zweiten) Ehartinger Vertrag fällt der bislang dem Erzbistum Salzburg zugehörige Chiemgau endgültig an Bayern, und zwar an das Teilherzogtum Niederbayern - eine dem traditionsbewußten Oberbayern unserer Tage nur schwer vermittelbare Zuordnung. Trovnstein jedoch gewann dadurch erheblich an Bedeutung.


Gründungsstadt der Wittelsbacher

Die seit 1180 in Bayern regierenden Wittelsbacher betrieben zur Festigung ihrer Herrschaft eine planmäßige und konsequente Politik. Ein Hauptbestandteil war die Anlage von (respektive der Ausbau vorhandener Besiedlung zu) befestigten Städten an militärischen und wirtschaftlichen Brennpunkten. Mehr oder weniger sanfter Zwang, aber auch ökonomische Anreize bewogen die Umwohner, diese Neugründungen zu beziehen. Zuvor meist unfreie Bauern, stattete sie der Landesherr nun mit dem besseren Status des Bürgerrechts aus; für die höheren sozialen Schichten schuf er die Privilegien des Ratsbürgertums. Zölle und Märkte wurden in die Städte verlegt, und um die Position des Herzogs zu sichern, wurden sie zu Zentralen staatlicher Verwaltung. Traunstein bot sich für eine "Wittelsbacher Gründungsstadt" geradezu an. Der Ort nahe der Grenze zum Erzstift Salzburg lag auf einer Anhöhe über der Traun, von der er in einem nach Osten ausholenden Bogen umflossen wurde, und sicherte den Flußübergang der wichtigen Salzhandelsroute von Reichenhall nach München.
1275 verlegte der Herzog eine bisher im benachbarten Lauter erhobene Maut nach Travnstain, das schon wenig später, um 1300, als Stadt mit Bürgern, Zoll, Salzhandelsprivilegien, drei Mühlen und zwei Toren als Teil der Stadtbefestigung bezeichnet wird. Diese Befestigung, eine Ringmauer samt Graben, umschloß den weiten, saalartigen Markt entlang der alten Salzstraße. Ein Rat als Organ städtischer Selbstverwaltung läßt sich ab 1314 nachweisen. 1361 wird die Veste genannt, die Herzogsburg, Sitz sowohl des "Richters" als Gerichtsherr wie auch des "Pflegers" als Verwalter des Landgerichts. Für sie hatte man die strategisch günstigste Stelle am südöstlichen Rand des mauerbewehrten Plateaus gewählt.
Entstanden war ein baulich geordneter, geschlossener und befestigter Rechts-, Gerichts- und Marktbezirk mit Ansätzen bürgerlicher Selbstverwaltung. Lediglich auf die kirchliche Organisation hatte die Stadtgründung keinerlei Einfluß. Zum Pfarrsitz hatte sich zuvor schon der etwa drei Kilometer südlich gelegene Nachbarort Haslach entwickelt - mit einem ersten Nachweis um 1140 in Gestalt des Otto von Hasilach, Priester. St. Oswald, 1342 urkundlich erwähnt, war bis 1851 als Filiale der dortigen Pfarrkirche "Unsere Liebe Frau" untergeordnet, ein nachhaltiger Stachel im Fleisch des städtischen Selbstverständnisses.

 

Stadtgeschichte symbans
Die älteste, weitgehend symbolisierte Ansicht der Stadt Traunstein, eine um 1560 von Philipp Apian gefertigte Tuschezeichnung, zeigt die Kirche St. Oswald, die herzogliche Veste sowie die mit Türmen bewehrte Stadtmauer, hinter der vereinzelt die Dächer der Bürgerhäuser zu erkennen sind.


Das Stadtrecht von 1375

Am Ende dieser Entwicklung von der präurbanen Ansiedlung zur verfaßten Stadt stand die Verleihung der Stadtrechte im Jahre 1375 durch Herzog Friedrich, dem zuvor die Burger unser Stat ze Trawnstain glaubhaft versichert hatten, daß ir Brief verbrunnen waren. Hat tatsächlich ein Brandunglück vor 1375 ein komplettes Stadtrecht (das in diesem Fall kurz nach 1321 zu datieren wäre) zerstört? Oder handelte es sich bei den "verbrannten Briefen" um eine Reihe älterer Einzelprivilegien? Die Antwort bleibt unklar. Allein die Tatsache, daß in staatlichen Archiven keine - ansonsten übliche - Dublette dieses imaginären Stadtrechtes vorhanden ist, läßt erstere Annahme eher zweifelhaft erscheinen.
Ab 1375 jedenfalls regelten 92 Artikel, zusammengestellt nach dem Vorbild der Stadt Neuötting, Verwaltung, Rechtssprechung, Handel und Gewerbe. Strafrechtliche Bestimmungen wechselten mit solchen polizeilicher Natur und dem Zivilrecht angehörigen Sätzen ab. Dabei galt zum Teil noch das germanische Prinzip "Auge um Auge": ainen Todslag wider den andern, Lähmung für Lähmung oder ersatzweise fünf Pfund Pfennig Geldstrafe. Für den Fall, daß ein Mann einen anderen bei seiner Frau "unbillich" antraf, war ihm jegliche Form der Selbstjustiz gegen Nebenbuhler und Ehefrau freigestellt. Das einseitige Bild vom dunklen Mittelalter geht auch auf die isolierte Betrachtung derart drastischer Rechtsnormen zurück. In der Regel waren für Verfehlungen Geldstrafen vorgesehen, die an die Stadt, den Richter und den Geschädigten flossen. Sowohl der Stadtkammer als auch dem Staat erwuchsen daraus nicht unerhebliche Einnahmen. Ein Ratsherr, der eine Zusammenkunft versäumte, kam mit einer Buße von 24 Pfennig "zum Vertrinken" noch glimpflich davon - eine herzhafte "Maulschelle" kostete das zwanzigfache!
Für Traunsteins weiteres Fortkommen war das Stadtrecht von unschätzbarem Wert. Allerdings war es als persönliches Lehen des Landesherrn lediglich "verliehen". Starb der Herrscher, mußte sein Nachfolger im Anschluß an die "untertänigste Erbhuldigung" seitens der Stadt die Rechte erneuern. Letztmals geschah dies 1780, und dabei wurde auch die Legende vom Stadtbrand 1371 in die Welt gesetzt, der, obwohl ansonsten nirgends belegt, zu den "stadtgeschichtlichen Grundkenntnissen" fast aller Traunsteiner zählt.


Traunstein und das Salz

- so überschrieb der Heimatforscher Georg Schierghofer sein Standardwerk, in dem er schon 1911, wenn auch nicht immer frei von Fehlern, den Stellenwert des Salzes für Traunstein hervorhob. Tatsächlich war das "weiße Gold" für die Stadt bis zum Ausgang des Mittelalters der Wirtschaftsfaktor schlechthin.
Das Zentrum der Salzproduktion war damals wie heute Reichenhall mit seinen natürlich vorkommenden Solequellen. Über Traunstein und Wasserburg wurde das dort gewonnene Salz nach München transportiert. Der Handel ging stafettenartig von Stadt zu Stadt, wo jeweils Lagerung und Weiterverkauf erfolgen mußten. Er wurde von reichen Bürgern, Salzsender genannt, betrieben. Das Umfahren eines Umschlagplatzes war ihnen bei hoher Strafe verboten, und die Orte achteten auf die Einhaltung dieser Vorschriften - denn Salz brachte Wohlstand. Traunstein war schon um 1300 "Niederlage" für das Reichenhaller Salz mit einem der Lagerung dienenden "Salzhaus". 1359 bestätigte Herzog Stephan den Traunsteinern, daß sie das Salz von Reichenhall holen und die Wasserburger es von hier zu sich an den Inn bringen sollten. In seiner Bedeutung kam dieses "alte Recht" der Stadterhebung gleich.


Aufbruch und Blütezeit im 16. Jahrhundert

1510 erhielt Traunstein eine erweiterte Ratswahlordnung. Das alte, aus acht Personen bestehende Gremium wurde abgelöst durch einen "Inneren Rat" mit sechs Mitgliedern, von denen zwei (später vier) jeweils ein halbes Jahr als Bürgermeister amtierten. Er übte die Exekutivgewalt aus und wurde von acht "Äußeren Räten" kontrolliert. Eine Neuerung war neben der Gliederung in zwei Kammern das Amt des Bürgermeisters. Bislang waren in den Urkunden stets nur Rat und Gmain der Purger aufgeführt worden. Auch in der Rechtssprechung änderten sich die Befugnisse. Sämtliche Delikte mit Ausnahme der höherinstanzlich angesiedelten Kapitalverbrechen schwerer Diebstahl, Straßenraub, Totschlag und Notzucht hatte bislang der herzogliche Richter als "Stadtrichter" abgeurteilt.

 

Stadtgeschichte Jacklturm
1787 wurde der untere Stadtturm in einem Verzeichnis aller städtischen Gebäude zum ersten Mal als "Jacklturm" tituliert. Der Hintergrund dieser Benennung blieb bis heute unklar.

Der Rat war an den Verhandlungen lediglich beteiligt. Nunmehr übte die Stadt diese sogenannte niedere Gerichtsbarkeit zum größten Teil in eigener Zuständigkeit aus, das Stadtrichteramt wurde überflüssig. Ebenfalls 1510 gewährte der Landesfürst zu den bestehenden Jahrmärkten an Ostern und Martini (11. November) zwei weitere: an Pauli Conversio (25. Januar) und am Oswaldtag (5. August). Wirtschaftlich erstarkt, rechtlich abgesichert und begünstigt durch den anhaltenden Frieden nach dem Landshuter Erbfolgekrieg - er hatte das geteilte Bayern vereinigt und Traunsteins "niederbayerische Episode" beendet - war es der Stadt möglich, innerhalb kurzer Zeit nahezu alle öffentlichen Bauten durchzuführen, die ihr Gesicht bis zum Brand 1851 und darüberhinaus prägen sollten.


Stadtgeschichte trawnst
Aus dem ausgehenden 16. Jahrhundert ist uns eine erste detailgetreue Gesamtansicht Traunsteins überliefert.

Bereits 1493 waren die Straßen und Gassen erstmals gepflastert worden. 1501 wurde die Oswaldkirche neu errichtet, 1526 der Lindlbrunnen mit Roßschwemme als Abschluß der städtischen Wasserversorgung. Der Lindl oder "märbelsteinerne Mann auf dem Brunnen", eine Ritterfigur in Maximiliansharnisch, damals ein Symbol der Stadtfreiheit, wurde im Verlauf der Jahrhunderte zum Wahrzeichen Traunsteins. Das ruinöse obere Tor samt Turm wurde 1541 abgebrochen und wieder aufgebaut, sein unteres Pendant, der sogenannte "Jacklturm", folgte 1548. Ein Jahr später kam ein "unterstes Tor" hinzu, das Mauttor am Fuß des Kniebos beim Übergang über den Mühlbach. 1568 baute die Stadt einen Salzstadel unmittelbar vor dem oberen Tor, der die bisherigen Dimensionen sprengte: Auf einer Länge von 130 (später 190) Metern zog er sich über den gesamten Bereich des jetzigen Maxplatzes. Den Abschluß bildeten 1576 die Errichtung eines Rathauses sowie Ankauf und Ausbau eines "Bruderhauses" als städtisches Altenheim.

Stadtgeschichte wildbad
Das Wildbad Empfing. 1584 bescheinigten die Leibärzte Herzog Wilhelms V. seinem Quellwasser große Heilwirkung - neuere Gutachten konnten sich dieser Einschätzung nicht anschließen.


Eine spätgotische Stadtrundfahrt

Es ist nun an der Zeit, die Stadt gegen Ende des 16. Jahrhunderts genauer zu betrachten. Die erste verläßliche Gesamtansicht, ein Deckengemälde des Hans Donauer im Antiquarium der Münchner Residenz, erleichtert dies. Sie zeigt Traunstein von Osten her gesehen: Im Zentrum der ummauerten Stadt dominiert die Kirche St. Oswald. Eckpfeiler der Befestigung bilden das Schaumburger Schloß (rechts) und die herzogliche Veste (links) sowie der untere (im Vordergrund) und obere Turm (im Hintergrund rechts neben der Kirche).Nachdem man aus der Salzburger Richtung kommend "Heilig-Geist", das Viertel der Siechen, Leprosen und Armen mit der gleichnamigen Kirche erreicht hatte, überschritt man auf der dortigen Brücke die Traun. Durch die unbefestigte Vorstadt "Vorberg" und das Mauttor bei der Vordermühle gelangte man über eine steile Anhöhe, den Khniepaß, zum unteren Tor. Es gab den Blick auf den weiten Straßenmarkt frei, der durch Sonn- und Schadtzeile, die nördliche und südliche Front der ohne Zwischenraum aneinandergebauten Häuser, begrenzt wurde. Lindlbrunnen und Oswaldkirche schlossen den Platz im Westen ab. Durch das obere Tor und das Tor des vorgelagerten Salzstadels verließ man die Stadt in Richtung Wasserburg und Rosenheim.Es gab also zwei Hauptzugänge im Osten und Westen, daneben aber noch zwei kleinere versperrbare Ausgänge, die ebenfalls mit Türmen bewehrt waren. Dies waren im Norden am Ende der heutigen Schaumburgerstraße das Schaumburger- oder Brunntürl, von dem aus der Türlberg zur Mittermühle und in die "Wiese", den dritten unbefestigten Stadtteil, führte, und im Süden an der Stelle des jetzigen Löwentors das Au- oder Stadtmeistertürl, wo ab 1644 ein Turm die Wasserversorgung speiste. Ein fünfter Turm im Haseneck an der südwestlichen Ecke der Stadtmauer beherbergte das Gefängnis und den Pfandstall (für gepfändetes Vieh); eine zweite Arreststube befand sich im oberen Turm.Das städtische Gebiet beschränkte sich jedoch nicht auf das Innere der Ringmauer samt den "extra muros" gelegenen Vorstädten, es schloß vielmehr das Areal des sogenannten "Burgfriedens" mit ein, der 1606 zum ersten Mal beschrieben wurde. Im wesentlichen entsprach er dem Stadtkreis vor der Gebietsreform von 1972. Einzige außerstädtische Einrichtung blieb lange Zeit das 1547 erbaute Wildbad Empfing, etwa eineinhalb Kilometer nördlich an der Traun gelegen. Ein Besuch half gegen fast alle Krankheiten: gegen Gicht, Verstopfung, Sterilität und sogar gegen ein "blödes Gesicht". Ungeachtet aller moderner Analysen, die dem Wasser jegliche Heilkraft absprechen, war es ein wesentlicher Bestandteil der damaligen Hygiene und Gesundheitsvorsorge, als, einhundert Jahre vor dem ersten "Medicus", Ober- und Unterbader die einzigen "Ärzte" der Stadt waren.


Stadtgeschichte Notgeld
"Salz-Säumer" - ein Motiv aus der städtischen Notgeldserie des Jahres 1922, graphisch gestaltet von Hans Kaufmann. Neben den von schweren Fuhrwerken befahrenen Salzstraßen existierten zusätzlich sogenannte "Saumwege", schwierige, teils auch gefährliche Pfade, die ausschließlich den Pferdekarawanen der "Samer" vorbehalten waren.

Bürger und Inwohner, Zünfte und Stümpler

Traunstein hatte zu Beginn des 17. Jahrhunderts etwa 1 500 Einwohner; von ihnen genoß nur gut ein Zehntel männlichen Geschlechts das volle Bürgerrecht. Eine nachrangige Stellung nahmen die sogenannten Inwohner ein. Hinzu kamen Frauen und Kinder, Gesellen und Lehrlinge, Knechte und Dienstmägde. Handwerk und Gewerbe waren in den auf christlicher Grundlage aufgebauten Zünften organisiert. Ihr Aufgabenbereich umfaßte die Sicherung des Nahrungsstandes, die Sorge um die Ausbildungs- und Arbeitsverhältnisse und um das Seelenheil ihrer Mitglieder.
Jährlich wurde nach der Ratswahl vor versammelter Gemeinde eine Reihe von Vorschriften öffentlich verlesen. Die Regeln waren streng; beispielsweise mußten die Metzger zu festgesetzten Zeiten und Preisen ihr Fleisch auf den Fleischbänken am Kniebos feilbieten, die Bäcker Brot und Semmeln im "Brothaus". Letzteres war seit 1576 im Gewölbe des Rathauses untergebracht und nicht im erst in neuester Zeit so bezeichneten "Brothausturm". Jede Branche achtete genau darauf, daß ihre speziellen Befugnisse nicht durch verwandte Berufe verletzt wurden. Gemeinsam grenzte man sich gegen die unzünftigen Sterer, Frötter und Stümpler ab, die mit ihrer Arbeit "ins Handwerk pfuschten" und als unliebsame Konkurrenz nicht gelduldet wurden.
Heiraten durfte nur, wer einen selbständigen und gesicherten Nahrungsstand vorweisen konnte. Eine nicht geringe Anzahl unehelicher Kinder war die Folge. Aber auch seltsam anmutende Verbindungen kamen so zustande, wenn ein Geselle seine Chance ergriff und in eine Werkstatt einheiratete. Hatte er Glück, bekam er zur Meisterstelle die Tochter, im anderen Fall die um Jahrzehnte ältere Meisterswitwe.

Der Scheibenpfennig ersetzt den Salzsender

1587 verstaatlichte Herzog Wilhelm den Salzhandel. Zunehmende Unregelmäßigkeiten in der bedarfsgerechten Versorgung waren hierfür der offizielle Grund, die eigentliche Motivation jedoch war finanzieller Art. Nachdem sie zuvor schon fast sämtliche Siederechte an sich gebracht hatten, waren die bayerischen Herzöge nicht nur die größten Salzproduzenten, sondern auch die mächtigsten Salzhändler Süddeutschlands. Die reichen Salzsender verließen Traunstein, die ganz auf Salz ausgerichtete Wirtschaft geriet ins Stocken.
Die Stadt Traunstein liegt gar auf der Gräniz an einem winterigen Orth zenegst vor dem Gebürg und hat khain durchgehende Landtstrassen oder schiffreichen Wasserstrom, die Handel und Wohlstand begründen könnten. Unschwer läßt sich diese triste Lagebeschreibung als eine Anhäufung höchstens halbwahrer, zweckpessimistischer Behauptungen erkennen, denn eine Verarmung war keinesfalls eingetreten. 1568 hatte der Herzog der Stadt den "Scheibenpfennig" verliehen: Für jede niedergelegte "Scheibe" - eine Maßeinheit von 68 Kilogramm - Reichenhaller Salz mußten die Händler einen Pfennig bezahlen. Dieser Zoll wurde als staatlicher Zuschuß beibehalten. Bis zum Jahr 1800 betrug sein Anteil an den städtischen Gesamteinnahmen im Durchschnitt 25 Prozent.
Die Funktionen als Handwerkerstadt und Marktzentrum übte Traunstein weiterhin aus. Zugute kam der Stadt ferner eine hervorragende verkehrstechnische Anbindung, bedingt durch den planmäßigen Ausbau der Salzstraßen. Doch anstelle der freien Marktwirtschaft des Spätmittelalters war die absolutistisch gelenkte Staatswirtschaft der frühen Neuzeit getreten. In diese Situation hinein fiel ...

Stadtgeschichte Saline
Ausschnitt des Salinenbezirks mit der den Heiligen Rupert und Maximilian geweihten Kirche vor dem "Marien- oder langen Stockh", einem Wohnhaus für Arbeiter. Im Hintergrund (am linken Bildrand) die Rückansicht des Salzmaieramtshauses. Der oberste Salinenbeamte residierte in einem repräsentativen Gebäudekomplex am Stadtplatz in unmittelbarer Nähe des Rathauses.



... die Gründung der Saline Au
1613 entdeckte man in Reichenhall ein neues, reichhaltiges Salzflüssl, dessen Versiedung aus Mangel an Holz nicht mehr möglich war. Unter dem Einfluß seiner Berater verfügte Herzog Maximilian am 4. Januar 1616 eine revolutionäre Neuerung. "Über das Gebirge" sollte die Sole nach Inzell und Siegsdorf und von dort nach Traunstein geführt werden, wo Holz im Überfluß vorhanden war. Hofbaumeister Hans Reiffenstuel und sein Sohn Simon konstruierten ein Rohrleitungssystem, ein technisches Meisterwerk aus mehr als 8 000 Deicheln, wobei sieben Pumpstationen auf 31 Kilometern einen Höhenunterschied von 253 Metern überwanden. Gleichzeitig errichtete man auf dem Pflegeranger der kaum besiedelten Au südlich unterhalb der Stadt eine Saline; Sudstätten, Härthäuser und Wohnungen entstanden in nur dreijähriger Bauzeit. Am Oswaldtag des Jahres 1619 wurde der Betrieb aufgenommen. In allen heimatkundlichen Veröffentlichungen wurde die Saline stets als das Äquivalent zum Verlust des Salzhandels, ihr Gründer Maximilian demnach als "besonderer Gönner der Stadt" dargestellt. Dies ist nur eingeschränkt richtig. Sicher darf man annehmen, daß am Bau auch heimische Handwerker gewinnbringend beteiligt waren, und der Zuzug des Salinenpersonals erhöhte die Absatzmöglichkeiten des Gewerbes beträchtlich: Immerhin mußten 540 Personen groß und klein zusätzlich versorgt werden. Ansonsten aber war die Saline von der Stadt völlig autark. Als sogenannte Hofmark bildete sie einen geschlossenen Rechts- und Verwaltungsbezirk unter der Aufsicht des Salzmaiers mit eigener Kirche, Schule und - nicht zuletzt - einem eigenem Wirtshaus. In der Stadt wohnten ausschließlich die hohen "Salzbeamten" und steigerten so das an Hausbesitz gebundene Steueraufkommen. Gleichzeitig aber dominierten sie mehr und mehr deren gesellschaftliches Leben, wie eine Prozessionsordnung des 17. Jahrhunderts deutlich macht: Voraus gingen Pfleger, Salzmaier und Kastner, die Bürgermeister wurden erst an elfter Stelle aufgeführt, und ganz am Ende kamen "die acht vom äussern Rath". Die Stadt erkannte diese Gefahren sehr wohl und wehrte sich gegen den staatlichen Großbetrieb vor ihren Toren - natürlich ohne Erfolg. Die kostenlose Zuteilung von Küchensalz und die Ausdehnung des Scheibenpfennigs auf die örtliche Produktion im Jahre 1622 beruhigten die Gemüter. Aber noch lange sahen die alteingesessenen Bürger im wörtlichen wie übertragenen Sinn "von oben" auf die Au und ihre "Saliner" herab.

Das Zeitalter der Gegenreformation

Mit der Gründung eines Weißbierbrauhauses 1611 hatte der Herzog bereits einige Jahre vor der Saline einen ersten Staatsbetrieb in Traunstein geschaffen. Wie die Salzgewinnung war auch das Brauen von Weißbier ein landesherrliches Monopol mit hoher Gewinnerwartung. Das neue Modegetränk verdrängte den in Altbayern zu dieser Zeit üblichen Wein völlig, und auch für die bürgerlichen Braunbierbrauer wurden die "Hofbräuhäuser" zu einer ernstzunehmenden Konkurrenz . Für Kurfürst (seit 1623) Maximilian, der politisch wie auch privat dem Katholizismus untrennbar verbunden war, stand außer Frage, daß er sein Augenmerk auch und gerade auf die Religiosität seiner Untertanen zu richten hatte - und mit der stand es in Traunstein Anfang des 17. Jahrhunderts nicht zum besten. Der Kirchenbesuch war spärlich, an Sonn- und Feiertagen wurde auf dem Plaz ... anstatt des Gebetts unnüz Geschwäz getrieben. Aber war es den Leuten zu verdenken, wenn schon der Klerus keinerlei Vorbildfunktion ausübte? Zwei Haslacher Pfarrherren mußten nacheinander ihres Amtes enthoben werden. Während Sigmund Taurmann vom verbotenem Glücksspiel mit seinem Kooperatoren nicht lassen konnte, hatte sein Nachfolger Johann Froschmair eine Vaterschaft zu verantworten, und stellte - trotz mehrmaliger Abmahnung - seine Liebesbeziehung auch in aller Öffentlichkeit zur Schau, unter anderem bei einer nächtlichen Schlittenfahrt während der Fastnacht - ein ganz unpriesterliches ... Leben, daran die Gemain große Ärgernuss nimbt. Um diese Mißstände abzustellen, sandte 1627 der Kurfürst persönlich zwei Kapuzinerpater nach Traunstein. Der an den Regeln des heiligen Franz von Assisi orientierte Bettelorden etablierte sich rasch. 1628 gründeten die Mönche eine Corpus-Christi-Bruderschaft zur Pflege der Fronleichnamsprozession, 1630 errichtete man für sie ein "Wohnungshäusl" an der Nordseite des Turms der Oswaldkirche, wo sie fortan für mehrere Wochen im Jahr Quartier bezogen und nach dem "rechten Glauben" sahen. Doch erst 1687 begannen westlich vor den Toren der Stadt, in unmittelbarer Nachbarschaft des 1639 dort geschaffenen Friedhofs, die Bauarbeiten für ein Kloster, dessen Kirche schließlich am 25. August 1690 der Allerheiligsten Dreifaltigkeit geweiht wurde. Ein Guardian, etwa zehn Patres und mehrere Fratres sorgten jetzt für das Seelenheil des einfachen Volkes, sehr zum Leidwesen der Weltgeistlichen. Zurecht sahen sich diese von den wortgewaltigen Predigern in ihrem Einfluß beschnitten. Von den Greueltaten des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) blieb Traunstein weitgehend verschont. Kein feindlicher Soldat überschritt den Inn, die Einquartierung eigener Hilfstruppen, denen ein verheerender Ruf vorausging, verhinderte 1633/34 ein Aufstand der Chiemgauer Bauern - mit Traunstein als einem der Zentren. Machtlos waren die Menschen jedoch gegen die im Gefolge des Krieges grassierende Pest. 1631 erreichte sie die Au und forderte 32 Tote. Durch seuchenpolizeiliche Maßnahmen, unter anderem Pestwachen, versuchte die Obrigkeit, der tödlichen Krankheit Herr zu werden - vergebens. Im August 1635 brach die laidige Sucht innerhalb der Stadtmauern aus und kostete in wenigen Monaten 117 Menschen - etwa einem Zehntel der Gesamtbevölkerung - das Leben. Im Vergleich zu anderen Städten war man glimpflich davongekommen, doch war, wie überall im Land, das pulsierende Leben einer tiefen Depression gewichen.

Stadtgeschichte Brand
1781 schuf der Trostberger Rokkokomaler Franz Joseph Soll diese Darstellung des Stadtbrandes 1704 als Deckenfresko der Pfarrkirche Siegsdorf. Die frühere Form des Jacklturmes (rechts) war augenscheinlich in Vergessenheit geraten, den Soll gab ihm fälschlicherweise das Aussehen eines mittelalterlichen Wehrturmes.


Der Stadtbrand von 1704


Erstes sichtbares Zeichen einer Erholung war der 1675 begonnene, bis 1696 vollendete barocke Neubau der Oswaldkirche nach Plänen von Caspare Zucalli, ausgeführt von Lorenzo Sciasca und Antonio Riva, klangvolle Namen der Graubündner Schule. Ganze acht Jahre konnten sich die Gläubigen ihrer Kirche erfreuen. Dann überzog der Spanische Erbfolgekrieg den Chiemgau.
Am 25. und 26. Juli 1704 besetzten österreichische Truppen Traunstein. Der kommandierende General von Guttenstein gewährte zunächst Schonung, doch mußten hohe Brandschatzungsgelder geleistet werden. Die regulären Einheiten zogen am 22. August wieder ab, zurück blieben Hilfstruppen, ungarische Panduren, die nicht ohne Grund als raub- und plünderungssüchtig gefürchtet waren. Noch in derselben Nacht zündeten sie die Stadt an zwei entgegengesetzten Punkten an, und um das Feuer richtig zu entfachen, warfen sie brennende Pechkränze in die Häuser! Niemand durfte löschen. Erst nach wiederholtem Bitten erlaubte man den Bürgern zu retten, was noch zu retten war.
Dieser erste gesicherte Brand veränderte das mittelalterliche Stadtbild. Die gerade erst fertiggestellte Oswaldkirche wurde schwer beschädigt, der Schaumburgische Sitz Neugereut und die Pflegveste wurden zerstört, das Rathaus, alle anderen öffentlichen und viele Privatgebäude und auch die Stadtmauer mehr oder weniger in Mitleidenschaft gezogen.
Während jedoch die beiden Schlösser nicht wieder aufgebaut wurden und auch die Stadtmauer nie mehr ihre ursprüngliche Wehrhaftigkeit erlangte, nahm man alle anderen Arbeiten unverzüglich in Angriff. Bis zum Herbst des Jahres waren die schlimmsten Schäden behoben. Am 16. Juli 1707 konnte die notdürftig instandgesetzte Kirche eingeweiht werden. Zwar zog sich der Wiederaufbau über Jahre. Noch 1711 verweist eine Liste auf Mängel an städtischen "Realitäten", die auf den Brand von 1704 zurückgehen. Daß Traunstein bis 1715 unter kaiserlich-österreichischer Verwaltung stand, wirkte sich dabei sicher nicht unbedingt förderlich aus. Dennoch - die Stadt erholte sich von der Katastrophe und nahm im weiteren Verlauf des 18. Jahrhunderts das typische Gesicht vieler Inn-Salzach-Städte an: mit Laubengängen, Erkern und den charakteristischen hochgezogenen Scheinmauern.
Eine einschneidende Neuerung brachte das ausgehende 18. Jahrhundert für die Saline. 1782 beauftragte Kurfürst Karl Theodor den Schweizer Salinenexperten Johann Sebastian Clais, den Betrieb grundlegend zu modernisieren. Sichtbarstes Zeichen war das 1786/87 fertiggestellte, kreuzförmige Sudhaus, benannt nach seinem Auftraggeber. Hinzu kamen weitere Neubauten wie Brunnhaus und Magazingebäude. Die jährliche Salzerzeugung stieg um durchschnittlich 30 000 Zentner an - bei deutlich geringerem Holzverbrauch! Das Aussehen der salinarischen Gesamtanlage hatte sich völlig gewandelt, ihr Bestand aber war für weitere 100 Jahre gesichert.

Stadtgeschichte Brand 1851
Ein Blick vom Ende der Maxstraße auf die zerstörte Stadt. Verzweifelte Bürger retten die ihnen verbliebene Habe - Symbol für das Ausmaß der Brandkatastrophe.


Das neue Bayern


Das 19. Jahrhundert, als Epoche bereits beginnend mit der französischen Revolution 1789, brachte für Deutschland und besonders für Bayern eine völlig neue Zeit.
Der mittelalterlich geprägte Ständestaat wurde abgeschafft, die Säkularisation führte zu tiefgreifenden Veränderungen in den geistlichen Grundherrschaftsverhältnissen und den religiösen Traditionen. Zum 1. Januar 1806 wurde Bayern Königreich, erfuhr dabei erhebliche Gebietserweiterungen und erhielt zugleich unter dem brillanten Minister Maximilian Graf von Montgelas eine der modernsten Verwaltungen im damaligen Europa.
Für Traunstein begann das 19. Jahrhundert wenig verheißungsvoll. Im Dezember 1800, nach der Schlacht bei Hohenlinden, besetzten französische Truppen die Stadt. Ein zeitgenössischer Bericht nannte den Überfall "schauderhaft" - es sollte nicht die letzte Belastung durch die Napoleonischen Kriege sein. Entsprechend euphorisch feierte man, nachdem Bayern die Seiten gewechselt und sich mit Frankreich verbündet hatte, am 9. Januar 1806 auf dem Stadtplatz die Proklamation Maximilians zum König. Nicht einmal ein halbes Jahr später folgte der nächste Rückschlag, als am 2. Mai das Kapuzinerkloster endgültig aufgehoben wurde und die hochangesehenen Bettelmönche Traunstein für immer verlassen mußten. Eine Bürgersfrau, die das eskortierende Militär grob beleidigt hatte, wurde zur Satification ein Stund mit dem Maulkorb öffentlich vor dem Rathause ausgestellet. 1808 schließlich verlor die Stadt durch die "Konstitution", die erste bayerische Verfassung, den Großteil ihrer althergebrachten Rechte, unter anderem die niedere Gerichtsbarkeit. Innerer und äußerer Rat wurden durch die Gremien der Magistratsräte und Gemeindebevollmächtigten ersetzt.
Allen Widrigkeiten zum Trotz: Traunstein blieb auch weiterhin  Verwaltungszentrale und Handelsmittelpunkt des Chiemgaus, letzteres umso mehr, seit 1816 die Landesgrenze zu Österreich nach Osten an die Salzach verlegt worden war. Überregionale Bedeutung hatte neben der Saline die Schranne, der wöchentliche Getreidemarkt auf dem Stadtplatz, nach München und Erding der drittgrößte seiner Art im Königreich, noch vor Landshut, Rosenheim oder Ingolstadt.

Stadtgeschichte tsneu
Das Gemälde von Nikoklaus oder Josef Gumberger zeigt das "neue Traunstein" etwa im Jahr 1880. Der mächtige Viadukt führt seit 1860 die Eisenbahnlinie München-Salzburg über das Trauntal.



Der Stadtbrand von 1851


Ein weitgehend beschauliches, biedermeierliches Leben hatte sich ausgebreitet, dem die wohl größte Katastrophe der Stadtgeschichte ein jähes Ende bereitete. In der Nacht vom 25. zum 26. April 1851 zerstörte ein verheerender Brand nahezu die gesamte Stadt. Seine Ursache konnte nie aufgeklärt werden. Für die stets kolportierte Behauptung, es habe sich um einen Racheakt als Reaktion auf die ein Jahr zuvor erfolgte Verlegung des Pfarrsitzes von Haslach nach Traunstein gehandelt, fehlt jeglicher Beweis. Jedenfalls fielen dem Großfeuer annähernd 100 Häuser, unter ihnen Rathaus, Landgericht, Hauptsalzamt und Rentamt, die Kirche sowie sämtliche Tore und Türme (mit Ausnahme des oberen) zum Opfer. "Traunstein, das schöne Traunstein liegt in Asche!", meldete erschüttert der Münchner "Volksbote". Noch heute ist der Verlust historischer Bausubstanz im Vergleich zu den benachbarten Inn-Salzach-Orten Wasserburg, Mühldorf oder Tittmoning spürbar. Doch wie schon nach 1704 gelang es auch diesesmal, Traunstein innerhalb weniger Jahre - dank vielfältiger Hilfe aus nah und fern - neu aufzubauen. Selbst der 1848 resignierte König Ludwig I. wies 3 000 Gulden aus seiner "Cabinettscasse" an. Unter gefühlvoller Wahrung der historischen Anlage entstand der heute als Ensemble denkmalgeschützte Stadtplatz, wo vor allem die Verwaltungsgebäude, unter ihnen das ab 1855 für 30 000 Gulden errichtete Rathaus, architektonische Akzente setzten. Am längsten zog sich die Renovierung der Oswaldkirche hin. Noch Anfang der 1880er Jahre zeigen Fotografien den Turm mit Notdach; die Gestaltung des Innenraumes sowie die Ergänzung und Anschaffung des Inventars waren erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts abgeschlossen.

Modernisierung, Technisierung, Expansion

Nur kurz unterbrach 1854 eine Cholera-Epidemie, die immerhin 71 Opfer forderte, den Aufschwung. Seinen entscheidenden Impuls erhielt er durch den Bau der Eisenbahnlinie München-Salzburg, die am 12. August 1860 feierlich eingeweiht wurde. Sie ersparte Traunstein das Schicksal vieler alter Handelsmetropolen, die abseits des neuen Transportmittels in einen Dornröschenschlaf verfielen. Zugleich wurde auch der Grundstein für eine künftige städtebauliche Entwicklung zwischen der Altstadt und dem im Westen errichteten Bahnhof gelegt. Ein Großteil dessen, was das heutige Traunstein ausmacht, hat seine Wurzeln in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die Stadt hatte in dieser Zeit das Glück, einige hochgebildete, ideenvolle und weitschauende Bürgermeister zu haben. In die Amtszeiten von Jakob Prandtner, Joseph Wispauer und Joseph Ritter von Seuffert fielen der Aufbau der weiterführenden Schulen, der Handels- und Gewerbeorganisationen und des Bankwesens, der Ausbau der Wasserversorgung, die Gründung der Feuerwehr und vieler anderer Vereine und die Anfänge der lokalen Presse: Dem am 1. Juli 1855 erstmals erscheinenden "Traunsteiner Wochenblatt" folgten ab 1882 die "Traunsteiner Nachrichten". Den positiven Gesamteindruck trübte am 28. März 1868 ein Aufruhr mititärpflichtiger Bauernburschen, die, aufgehetzt von antipreußischen Parolen, das Rathaus verwüsteten und Traunstein landesweit in die Schlagzeilen brachten. Als Ludwig Thomas "Krawall" ging der Vorfall in die bayerische Literaturgeschichte ein und veranlaßte in der ersten Aufregung das "Wochenblatt" zu der Feststellung: "Die Achtung vor dem Gesetz und dessen Vertretern, wodurch sich gebildete Stämme vor ander(e)n auszeichnen, ist bei uns ohnehin nicht eingebürgert." Ungeachtet dessen führte der Weg Traunsteins in den Jahren nach der Reichsgründung weiterhin steil bergauf. 1876 verlieh König Ludwig II. der Stadt, auch in Anerkennung ihrer gewaltigen Aufbauleistung, das Recht der "unmittelbaren Unterordnung unter die königliche Kreisregierung" - heute würde man dies als Kreisfreiheit bezeichnen. 1893 wurde die erste elektrische Straßenbeleuchtung installiert, 1895 die Lokalbahn nach Ruhpolding dem Verkehr übergeben, 1897 das erste öffentliche Telefon (im Rathaus) in Betrieb genommen, 1899 die neu errichtete Auferstehungskirche der evangelisch-lutherischen Gemeinde an der Crailsheimstraße eingeweiht. Am 13. September desselben Jahres wurde die Stadt von einem Hochwasser bislang nicht bekannten Ausmaßes heimgesucht. Die Vorstädte und die Au wurden überflutet, sämtliche Brücken und Stege weggerissen. Innerhalb der nächsten zehn Jahre wurden umfassende Hochwasserschutzbauten geplant und ausgeführt, die auch heute noch die Regulierung der Traun gewährleisten.

"Traunstein, mein Ruheposten"

Im Verlauf von 100 Jahren hatte sich Traunsteins Einwohnerzahl mehr als verdreifacht: von rund 2 200 (1805) über 4 100 (1867) auf 7 400 (1905). Verantwortlich für diesen immensen Zuwachs war auch eine aktive Ansiedelungspolitik der Stadtväter. Unter anderem warb man mit einer wie oben betitelten Broschüre erfolgreich um den Zuzug begüterter Pensionäre aus ganz Deutschland. Diese Neubürger waren es auch, die einen Großteil der noch heute viel bewunderten Jugendstilvillen in den städtischen Außenbezirken errichteten. Im Einklang damit stand das Bestreben, Traunstein den Charakter eines Kurortes zu verleihen. Zu den bestehenden Kuranstalten, dem 1844 erbauten Kurhaus am Klosterberg und dem 1848 privatisierten Wildbad in Empfing, gesellte sich 1912 das Prinz-Ludwig-Heim. 1905 renovierte man die 1875 eröffnete "Schwimm- und Badeanstalt", 1913 wurde von der Stadt Reichenhall eine gebrauchte Wandelhalle angekauft und an der Haslacher Straße aufgestellt. Die Übernachtungszahlen stiegen stetig an, und in den Jahren 1936 und 1938 wurden die Anstrengungen mit den Prädikaten "Luft- und Kneippkurort" belohnt. 1910 beschloß sich die Kammer der Abgeordneten des Bayerischen Landtags eine Zentralisation der Salzproduktion. Obwohl ab 1870 mit Hilfe einer fünften Pfanne bis zu 200 000 Zentner Salz jährlich produziert wurden, ging Traunstein aus dem Wettbewerb mit den Nachbarsalinen Reichenhall und Rosenheim - trotz heftiger Gegenwehr - als Verlierer hervor. Am 29. Juni 1912 fand die letzte Sud statt, die "Traunsteiner Salzgeschichte" war unwiderruflich zu Ende. Allerdings brachte die Auflassung nicht den befürchteten Niedergang. Die gesunden Strukturen der Stadt kompensierten den Verlust an Arbeitsplätzen weitgehend. 1914 wurde die Au nach Traunstein eingemeindet, die Saline diente im Ersten Weltkrieg als Lager für Zivil- und Kriegsgefangene mit über 1 000 Insassen. Den Wachmannschaften der letzten Kriegstage, von einem Zeitgenossen als "faul, zuchtlos, anspruchsvoll und frech" charakterisiert, gehörte auch ein damals noch unbekannter Gefreiter namens Adolf Hitler an. Am 8. Dezember 1922 hielt er in der überfüllten Halle des Turnvereins seine erste von insgesamt drei Reden in Traunstein.


Stadtgeschichte Braxenthaler
Hans Braxenthaler beging am 7. August 1937 in seinem von der Gestapo umstellten Versteck auf dem Hochberg Selbstmord.



Spuren der Zeitgeschichte

"Zu einer imposanten Kundgebung patriotischen Empfindens gestaltete sich die gestrige Abschiedsfeier der Traunsteiner Krieger im Sailer-Keller ...", so berichtete das "Wochenblatt" am 4. August 1914. Nur wenige Tage später mußte es den "Tod des ersten Traunsteiner Feldzüglers" vermelden; auf knapp 300 sollte die Zahl der Opfer in den nächsten vier Jahren ansteigen. Das Ende des Krieges bedeutete zugleich das Ende des Kaiserreiches. Den Wirren von Revolution und Räteregierung folgte die kurze Ruhephase der Weimarer Republik. 1919 entwaffnete die Einwohnerwehr des Chiemgaus den in der Stadt stationierten "roten" Soldatenrat unter behutsamer Vermittlung des Bürgermeisters Dr. Georg Vonficht. Im selben Jahr ersetzte ein Stadtrat das seit Jahrhunderten bestehende Zweikammersystem. Eine seiner ersten Verfügungen war die Herausgabe von Notgeld, das als Zahlungsmittel bis 1923 Gültigkeit hatte. Den goldenen 20er Jahren trug man 1926 durch ein aufwendig begangenes 800jähriges Stadtjubiläum Rechnung - ohne historischen Bezug, wie dem aufmerksamen Leser nicht entgangen sein wird. Die Wahlergebnisse dieser Zeit zeigen, daß die Traunsteiner Bevölkerung zwar einem nationalkonservativen Kurs zuneigte, nicht aber dem aggressiven, antiparlamentarischen Nationalismus Hitlers. Nie erreichte die NSDAP im Stadtgebiet die Stimmenzahl der Bayerischen Volkspartei. Dennoch wehte auch hier am 9. März 1933 die Hakenkreuzfahne vom Rathaus. Die Jahre von 1933 bis 1945 verliefen in Traunstein nicht anders als in vergleichbaren bayerischen Provinzstädten. Eine 1922 gegründete Ortsgruppe der Nationalsozialisten hatte den Boden für die lokale Machtübernahme bereitet, der 1933 zunächst der Stadtrat und die politischen Parteien und 1935 Bürgermeister Vonficht weichen mußten. Von der Gleichschaltung waren sämtliche Lebensbereiche, Vereine, Verbände und zuletzt auch die lokale Presse betroffen. Man arrangierte sich mit den Verhältnissen, nur wenige fanden die Kraft zu offenem Widerstand: Stadtpfarrer Josef Stelzle wurde kurzzeitig in Schutzhaft genommen, Rupert Berger, Ortsvorsitzender der Bayerischen Volkspartei und 1946 erster gewählter Nachkriegsbürgermeister, nach Dachau eingeliefert und dort schwer mißhandelt, ebenso Hans Braxenthaler, der aufrechte Kommunist und Gewerkschaftler, der 1937 von der Gestapo in den Selbstmord getrieben wurde. Im November 1938 wurden die jüdischen Mitbürger aus Traunstein vertrieben, die Stadt anschließend "judenfrei" gemeldet. Die 1935 bezogene Kaserne der Reichswehr an der Wasserburger Straße war gleichsam ein Vorbote auf das bevorstehende Unheil des Zweiten Weltkrieges. 1939 hatte Traunstein etwa 11 500 Einwohner; sechs Jahre später mußten 523 von ihnen als gefallen, 73 als vermißt registriert werden. Schwere Bombenangriffe zerstörten im April 1945 das Bahnhofsviertel und forderten über 100 Menschenleben. Am 2. Mai 1945 durchquerte ein Zug mit jüdischen KZ-Häftlingen Traunstein. Tags darauf wurden 61 von ihnen in einem Wald bei Surberg von den SS-Wachmannschaften ermordet, nur einer überlebte das Massaker. Nahezu zeitgleich besetzten amerikanische Truppen die Stadt. Die kampflose Übergabe war der Vernunft und Einsicht einiger weniger zu verdanken, die unter Einsatz ihres Lebens die bereits vorbereitete Sprengung sämtlicher Brücken verhinderten. "Dies war einmal eine ruhige, kleine Stadt an den malerischen Vorbergen der bayerischen Alpen. Der Krieg und seine Folgen verwandelten sie in ein übervölkertes Irrenhaus hoffnungsloser Bewohner." So zitiert Gerd Evers in seinem bemerkenswerten Buch "Befreiung - Besatzung - Erneuerung" aus dem Bericht einer amerikanischen Zeitung. Evakuierte, Flüchtlinge und Vertriebene überschwemmten Traunstein, nahezu alle öffentlichen und viele privaten Gebäude waren als Lazarett oder Lager zweckentfremdet. Das größte von ihnen, die Kaserne, beherbergte zeitweise über 2 000 jüdische displaced persons. Doch wurde, angeleitet von der Besatzungsmacht, mit den Kommunalwahlen am 27. Januar 1946 der Weg zur Demokratisierung der Gesellschaft beschritten, und mit der Währungsreform am 20. Juni 1948 setzte der wirtschaftliche Aufschwung ein, zunächst noch zaghaft, doch: "Ein neuer Anfang ist ... gemacht, ein Anfang, der uns hoffen läßt". Diese im Südost-Kurier geäußerte Hoffnung sollte sich bestätigen. Schritt für Schritt gelang es Traunstein, die Probleme der Nachkriegszeit zu lösen und den Weg in die Gegenwart anzutreten.