Stadt Traunstein

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Geschichte des Stadtarchivs

Nachdem bereits im Jahr 1614 eine landesherrliche Kommission krasse Missstände in der Stadtschreiberei und nahezu der gesamten Verwaltung festgestellt und die Stadt zu einer Neuorganisation gedrängt hatte, wurde auch die städtische Registratur im Verlauf des 17. Jahrhunderts erstmalig geordnet. Ergebnis war das um 1670 von dem damaligen Stadtschreiber Georg Gruber erstellte und noch erhaltene „Registraturbuch der Stadt Traunstein“. Hier finden sich systematisch verzeichnet und durchnummeriert alle Archivalien der Stadt, die in Truhen und Schränken im Rathaus aufbewahrt wurden.
Dieses neue Verzeichnis wurde weitergeführt bis in die 90er Jahre des 17. Jahrhunderts. Vermutlich der Stadtbrand des Jahres 1704 aber setzte der Systematik wieder ein Ende und die städtischen Archivalien verloren sich wieder in ihrer alten Unordnung. Nicht in Vergessenheit geriet jedoch das Grubersche Registraturbuch. Es war von solch herausragender Qualität, dass es die originalen Archivalien weitgehend ersetzte, unter Hinweis auf verschiedene, (meist imaginäre) Brandunglücke zu Rechtsbeweisen verwendet wurde und nahezu öffentlichen Glauben genoss.

NLB236Infolge der Neufestsetzung der städtischen Kompetenzen 1808 respektive 1818 verlor das historische städtische Archiv weitgehend seine rechtliche Bedeutung. Statt dessen wurde es zur Stätte heimatgeschichtlicher Forschungen. Mathias Büchele (1815–1879; Bild), Benefiziat der Zirnberger Messe in St. Oswald, erarbeitete als erster eine Reihe von – auch heute noch durchaus beachtenswerten – historischen Aufsätzen und veröffentlichte diese im (seit 1855 erscheinenden) „Traunsteiner Wochenblatt" (heute „Tagblatt“). Zugleich schuf er die Grundlage für die 1859 in der Zeitschrift „Oberbayerisches Archiv" veröffentlichten „Geschichte der Stadt Traunstein" des Siegsdorfer Schulbenefiziaten Johann Josef Wagner (1983 neu aufgelegt). Weitere Archivbenutzungen und heimatgeschichtliche Arbeiten sind im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert nachweisbar. Eine Neuordnung oder gar Verzeichnung des Archivs jedoch fand zunächst nicht statt.

19 (Schierghofer)Nach verschiedenen Anregungen des Reichsarchivs wurde in den Jahren 1919/20 ein Städtisches Archiv gebildet. Unter Leitung des Apothekers und Heimatfreundes Dr. Georg Schierghofer (1878–1959; Bild) – aufgrund seiner Verdienste um den Georgiritt auch „Umrittdoktor" genannt und 1953 mit der Ehrenbürgerwürde der Stadt Traunstein ausgezeichnet – wurden sämtliche historischen Unterlagen und der bis dahin getrennt davon aufbewahrte neue Registraturbestand bis zum Jahr 1870 in das Museum der Stadt Traunstein, das Heimathaus, verbracht. Dort wurden sie in Anlehnung an die vom Reichsarchiv veröffentlichten „Winke für die bayerischen Gemeindebehörden zum Ordnen ihrer Gemeindearchive“ summarisch verzeichnet. Ungeachtet der löblichen Absicht überwiegt dabei leider aus heutiger Sicht die Tatsache, dass damit die hervorragende Grubersche Ordnung und deren Systematik irreversibel zerstört wurden.

Zu Beginn der 70er Jahre wurde das Archiv wieder in das Rathaus der Stadt Traunstein an seinem ihm angestammten Platz überführt, und seit 1978 ist es mit einem Archivar des gehobenen Dienstes hauptamtlich besetzt. Ab diesem Zeitpunkt begann die sach- und fachgerechte Aufbereitung der Bestände, ihre systematische Ordnung und Verzeichnung.

Trotz zweier (zweifelsfrei belegbarer) verheerender Stadtbrände 1704 und 1851 – weitere in der heimatkundlichen Literatur erwähnte Brandunglücke (1371, 1618) entstammen Fehlinterpretationen der Heimatforschung des 19. Jahrhunderts – findet der Benutzer heute eine weitgehend geschlossene und hervorragend erschlossene Überlieferung vom Ausgang des Mittelalters bis hinein in die Neuzeit vor.
Ältestes Schriftstück ist eine Urkunde des Jahres 1342, worin eine fromme Stiftung an das Gotteshaus St. Oswald verbrieft wird – zugleich der erste Nachweis der heutigen Stadtpfarrkirche. Der Fundus umfasst insgesamt 2010 Urkunden bis zum Jahr 1808, weitere 470 bis 1900. Ein weiterer zentraler Altbestand sind die Akten von 1417 bis 1870. Die Serie der Ratsprotokolle läuft ab 1574, die der Jahresrechnungen ab 1466, jeweils mit kleineren Lücken bis zum gegenwärtig aktuellen Jahrgang. Extra geführt werden die verschiedenen Nebenkassen sowie (in neuerer Zeit) die Stadtratsausschüsse.
Bis 1806 lag das Recht der Nachlassinventur als Bestandteil der Niedergerichtsbarkeit bei der Stadt Traunstein. Die chronologisch geordneten Nachlassinventare von 1515 bis 1816 (die letzten zehn Jahrgänge sind der Provenienz Landgericht zuzurechnen) sind eine herausragende Quelle für Fragen der Sozialgeschichte, der Volkskunde und der Häuserforschung. Gleiches gilt für die von 1571 bis 1820 vorhandenen Briefprotokolle.
 

Archiv im Heimathaus
DAS STÄDTISCHE ARCHIV als Depot im Museum „Heimathaus“.

Für zeitgeschichtliche Fragen können neben der ab 1855 einsetzenden Zeitungssammlung vor allem die „Akten 1870-1972" herangezogen werden. Neben seinen eigentlichen Aufgaben untersteht dem Archiv auch die Zentralregistratur, aus der regelmäßig die eigene Verwaltung mit Aktenvorlagen und Auskünften bedient wird. Mit der Eingliederung der Gemeinden Au (1914) sowie (im Rahmen der Gebietsreform) Haslach (1978), Hochberg (1972), Kammer (1972) und Wolkersdorf (1978) gelangten auch deren Registraturen in das Stadtarchiv, doch greift hier nur in seltenen Fällen die Überlieferung in das 19. Jahrhundert zurück.
Archivalien von zumindest zwei staatlichen Registraturbildnern (Hüttenverwaltungen Bergen und Eisenärzt) enthält der Bestand „Bergwerke". Die genaue Herkunft dieses den Zeitraum von ca. 1750 bis 1900 umfassenden Konglomerates, darunter ein bemerkenswerter Sammelband verschiedenster Bergwerkszeichnungen, ist unklar.

Abschließend sei der Bereich „Nachlässe und Sammlungen" genannt, der im Stadtarchiv Traunstein besonders gepflegt wird. Die Plakatsammlung umfasst inzwischen über 5.000 Exemplare ab ca. 1860 bis hin zu aktuellen Ereignissen. Gerne herangezogen wird auch die umfangreiche Foto- und Postkartensammlung zur Bebilderung von heimatkundlichen Publikationen, wissenschaftlichen Arbeiten, Festschriften und ähnlichem. Daneben werden Nachlässe verschiedener Heimatforscher und Fotografen, dabei der nahezu komplette Bildbestand eines von 1920 bis 1977 existenten Traunsteiner Fotoateliers, verwahrt. Eine Präsenzbibliothek sowie eine Sammlung von „Grauer Literatur" – Festschriften, Fach-/Seminar-/Diplomarbeiten, Dissertationen und Dokumentationsmaterial ergänzt die Archivbestände. 
     

Archiv_Benutzergruppe Archiv1
BLICK IN DAS ARCHIVMAGAZIN, DANEBEN Schüler bei einer Gruppenarbeit im Benutzerraum.

Derzeit verzeichnet das Stadtarchiv Traunstein jährlich ca. 900 Benutzungen, schriftliche wie auch persönliche. Mit dem 1998 erfolgten Umzug in die hervorragenden neuen Räumlichkeiten des sanierten bzw. neu erbauten Rathauses am Stadtplatz sind auch die Möglichkeiten vorhanden, diese Herausforderung zu bewältigen. Besonders hervorzuheben ist dabei die gute Zusammenarbeit mit den verschiedenen Schulen, sei es in Form von Klassenführungen, bei Seminar- und Facharbeiten oder im Rahmen von Projekten.