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Papst Benedikt XVI. in Traunstein

„Es ist gar nicht leicht zu sagen, wo ich eigentlich zu Hause bin“
Joseph Kardinal Ratzinger: Aus meinem Leben. Erinnerungen (1927-1977)

„Mich und meinen Bruder freut es, unsere Vaterstadt so schön als Heimat erleben zu dürfen“
Joseph Kardinal Ratzinger beim Besuch Traunsteins anlässlich der Feier seines 50-jährigen Priesterjubiläums am 12. Mai 2002

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Vaterstadt – so ordnet Papst Benedikt XVI. selbst die Bedeutung Traunsteins für sich ein. Doch das Licht der Welt erblickte er als Joseph Alois Ratzinger am 16. April 1927, es war der Karsamstag dieses Jahres, in Marktl am Inn als jüngstes von drei Kindern des „Gendarmeriemeisters“ Joseph Ratzinger und seiner Ehefrau Maria. Seine Schwester Maria und sein Bruder Georg waren 1921 bzw. 1924 in Pleiskirchen bei Altötting geboren worden.

Ein bayerischer Gendarm hatte zur damaligen Zeit viele Versetzungen hinzunehmen. Sie beschieden der fünfköpfigen Familie zunächst ein unstetes Leben. Auf Marktl, wo der Vater von 1925 bis 1929 Kommandant der Gendarmerie-Station war, folgten Tittmoning, „das Traumland meiner Kindheit“, und Ende 1932 das „behäbige Bauerndorf“ Aschau am Inn. Dort erlebte Joseph Ratzinger auch die Machtergreifung der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933, unter der sein Vater laut eigener Aussage sehr litt, da „er nun einer Staatsgewalt dienen musste, deren Träger er als Verbrecher ansah“. Er erwartete daher mit Ungeduld seine Pensionierung, die 1937 mit dem Erreichen des 60. Lebensjahres erfolgte.

Bereits 1933 hatten die Eltern „ein altes Bauernhaus aus dem Jahr 1726 […] am Stadtrand von Traunstein erwerben können, dessen baulicher Zustand [...] manche Sorge bereitete; für die Kinder war es ein „Paradies“ voller Überraschungen und Abenteuer. Wenige Tage nach dem Umzug begann für Joseph mit dem Eintritt in die erste Klasse des humanistischen Gymnasiums der sprichwörtliche Ernst des Lebens. Latein und Griechisch waren seine Lieblingsfächer, wenig begabt war er für jegliche Art von Sport und in Kunst. Er selbst sah sich durchaus als Schüler mit „einer gewissen Tendenz zur Frechheit“, der „mit Geschwätzigkeit, frechen Antworten und dergleichen“ die Lehrer manches Mal in Wut zu bringen wusste; dem entsprechend sank auch seine Note in Betragen…

Ungeachtet der Tatsache, dass sein neues Zuhause sich in Hufschlag befand und damit der Gemeinde Surberg angehörte, empfand sich der nunmehrige Gymnasiast stets als Traunsteiner. Offiziell wurde er dies mit seinem Eintritt in das Erzbischöfliche Studienseminar am 17. April 1939, dem sein Bruder bereits seit 1935 angehörte. Für die Eltern – die Pension des Vaters war „reichlich karg bemessen“ – war dies ein großes finanzielles Opfer, für den jüngsten Sohn ein tiefer Einschnitt in sein Leben: „Ich hatte in großer Freiheit zu Hause gelebt, studiert, wie ich wollte, und meine eigene kindliche Welt gebaut. Nun in einen Studiersaal mit etwa sechzig anderen Buben eingefügt zu sein, war für mich eine Folter, in der mir das Lernen, das mir vorher so leicht gewesen war, fast unmöglich schien. Die größte Belastung aber war für mich, dass […] jeden Tag zwei Stunden Sport auf dem großen Spielplatz des Hauses vorgesehen waren.“

Doch in den Wirren der Kriegsjahre – das Gebäude wurde bald schon Lazarett, die Seminaristen siedelten mehrmals in Ausweichquartiere um, untere anderem in das vormalige Kurhaus an der Klosterstraße und nach Sparz (wo es keinen Sportplatz gab!) – versöhnte sich Joseph Ratzinger mit dem Leben im Internat: „Ich musste lernen, mich ins Ganze einzufügen, aus meiner Eigenbrötelei herauszutreten und im Geben und Empfangen eine Gemeinschaft mit den anderen zu bilden. Für diese Erfahrung bin ich dankbar, sie war wichtig für mein Leben.“ Im September 1941 musste das Seminar seine Pforten endgültig schließen; Joseph konnte die Schule von Zuhause aus weiter besuchen. Doch der Krieg rückte näher und näher heran. Immer öfter fanden sich unter den Gefallenenmeldungen ältere Mitschüler aus dem Gymnasium, „die wir vor kurzem noch als Kameraden voll Lebensfreude und Zuversicht gekannt hatten“.

Ab 1939 meldete man alle Seminaristen und damit auch Joseph Ratzinger zur Pflicht-HJ an, 1943 wurde sein Jahrgang zur Flugabwehr nach München einberufen. Die Schüler wohnten dort in Baracken, trugen Uniformen und erhielten nebenbei Unterricht am renommierten Maximilians-Gymnasium. Nach der Entlassung am 10. September 1944 lag, kaum zu Hause angekommen, bereits der Einberufungsbescheid zum Reichsarbeitsdienst für den nunmehr Wehrfähigen auf dem Tisch, dem Joseph am 20. September Folge leistete und der ihn zusammen mit vielen anderen Traunsteiner Gymnasiasten in das Burgenland führte. Dort bewahrte ihn die mutige Antwort, er wolle katholischer Priester werden, vor einer erzwungenen „freiwilligen“ Meldung zur Waffen-SS. Das Herannahen der Front bedeutete im November 1944 die kurzzeitige Rückkehr nach Hufschlag, in das von seiner Mutter „im Lauf der Jahre geschaffene herrliche Heim“. Drei Wochen später wurde Joseph Ratzinger zum Militärdienst eingezogen und der Traunsteiner Infanterie-Kaserne zugeteilt.

Von dort setzte er sich kurz vor Kriegsende ab und erreichte neuerlich unversehrt das Haus seiner Eltern, wo ihn die einrückenden Amerikaner schließlich als Soldaten erkannten, gefangen nahmen und von Bad Aibling an das große Gefangenenlager bei Ulm überstellten. Schon am 19. Juni 1945 hielt er die Entlassungspapiere in Händen, wurde an die Stadtgrenze Münchens verbracht und dort von einem zufällig vorbei fahrenden Lastwagen einer Traunsteiner Molkerei aufgelesen. „So kam ich unerwartet noch vor Sonnenuntergang in die Heimatstadt; das himmlische Jerusalem hätte mir in diesem Augenblick nicht schöner erscheinen können.“

Anstreicher oder Kardinal: Das waren die Berufswünsche des Kindes, wobei Letzteren der „gewaltigen Purpur“ Michael Faulhabers, wahrgenommen bei einem Besuch des Erzbischofs von München und Freising auf dem flachen Land, geweckt hatte. Joseph Ratzinger sollte ihn verwirklichen können. Ein ausgesprochen religiöses Elternhaus unterstützte seine früh vorhandene Neigung zum Priesterberuf. „Mein Vater war ein sehr gläubiger Mann. Er ist am Sonntag um sechs Uhr in die Messe gegangen, dann um neun Uhr in den Hauptgottesdienst und nachmittag nochmal. Die Mutter hatte eine sehr warme und herzliche Religiosität.“

Weihnachten 1945 erfolgte der Eintritt in das Freisinger Priesterseminar mit dem Studium der Theologie und der Philosophie. Am 29. Juni 1951 wurde Joseph Ratzinger von Kardinal Faulhaber zum Priester geweiht, seine Primiz, das erste feierliche Messopfer, zelebrierte er zusammen mit seinem Bruder am 8. Juli desselben Jahres in der Traunsteiner Stadtpfarrkirche St. Oswald, ein großer Festtag für Stadt und Umland.

Anschließend trat Joseph Ratzinger seine erste Stelle als Aushilfspriester der Pfarrei St. Martin in München-Moosach an. Doch „den größten und schönsten und wichtigsten Teil meiner Jugend habe ich in Traunstein verlebt.“ Für ihn war diese Zeit nun unwiderruflich beendet, die Verbundenheit mit seiner selbst gewählten Heimat aber währte und währt ein Leben lang. Georg Ratzinger hingegen sollte der Stadt noch eine ganze Weile erhalten bleiben. „Mein Bruder gab sich leidenschaftlich der Musik hin, die sein besonderes Charisma ist“, und von 1957 bis 1964 folgte er dieser Passion als Chorregent von St. Oswald, bevor er die weltberühmten Regensburger Domspatzen übernahm und 30 Jahre lang höchst erfolgreich und anerkannt leitete. Vielen Traunsteinern ist das Bild des über den Stadtplatz radelnden Chordirektors noch in guter Erinnerung. Doch bei den Chorstunden in der Klosterkirche waren beileibe nicht alle Traunsteiner Knaben Spatzen oder sonstige Singvögel, sondern zumeist echte Lausbuben, und so erinnert sich so manch inzwischen gestandener Traunsteiner Bürger auch an eine saftige Watsch’n des Prälaten, damals selbstverständlich höchst unverdient verabreicht, heute mit lächelndem Verständnis für den Zorn des Musikers verziehen. Georg Ratzinger, der in der Mittleren Hofgasse 24 wohnte, nahm Anfang Juni 1959 auch seine Eltern zu sich. Der Vater verstarb 82-jährig wenige Monate später, die Mutter folgte ihm 1963 kurz vor Vollendung des achtzigsten Lebensjahres; beide wurden zunächst in Traunstein beigesetzt. 1974 wurden die sterblichen Überreste exhumiert und nach Regensburg überführt.

Joseph Ratzinger beginnt als Dozent am Freisinger Seminar eine atemberaubende wissenschaftlich-theologische Karriere, von der in diesem Rahmen nur wenige markante Stationen genannt seien: 1954 wird er Dozent an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Freising, 1957 habilitiert er sich mit einer Untersuchung über Bonaventura im Fach Fundamentaltheologie an der Universität München, 1962 bis 1965 ist er offizieller Konzilstheologe des Zweiten Vatikanums, 1976 wird er Vizepräsident der Universität Regensburg. Mit der Ernennung zum Erzbischof von München und Freising am 25. März und der Erhebung in den Kardinalsstand am 27. Juni 1977 stellt sich der Wissenschaftler in den Dienst der Amtskirche. Papst Johannes Paul II. holt ihn nach Rom und ernennt ihn am 25. November 1981 zum Präfekten der Katholischen Glaubenskongregation. Im Vatikan avanciert er zu einem der bedeutendsten Kardinäle und sowohl theologisch als auch persönlich zur rechten Hand Johannes Paul II. Als Benedikt XVI. tritt er am 19. April 2005 dessen Nachfolge an. Um 18.43 Uhr verkündet Kardinalprotodiakon Jorge Arturo Medina Estévez das „Habemus Papam“ und benennt „Dominum Josephum Sanctae Romanae Ecclesiae Cardinalem Ratzinger“ als den 265. Papst der Kirchengeschichte. Obwohl sein Name im Vorfeld oftmals unter den Favoriten zu finden war, ist für viele Gläubige in aller Welt damit eine absolute Sensation perfekt.

Erstmals seit 482 Jahren wählte das Konklave damit nicht nur einen Deutschen, sondern einen bekennenden Bayern, der seine Wurzeln immer gerne betont hat. Diese Wurzeln liegen zu einem großen Teil in Traunstein. Es bleibt zu hoffen, dass Joseph Ratzinger, der Seminarist von der Wartberghöhe, der Abiturienten am Chiemgau-Gymnsium, der „Ratzinger-Bua“ von Hufschlag, auch als Papst Benedikt XVI. noch ab und an Zeit für die Stadt seiner Jugend finden wird. Er wird ihr und ihren Bewohnern stets herzlich willkommen sein!

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Quellen: Joseph Kardinal Ratzinger, Aus meinem Leben. Erinnerungen (1927-1977), München 1998
Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.), Salz der Erde. Christentum und katholische Kirche im 21. Jahrhundert, München 1996
Verschiedene Presseberichte des „Traunsteiner Tagblatts“ aus der Sammlung des Stadtarchivs Traunstein
Biographie über Internet, Katholischer Nachrichtendienst (www.kath.net/detail.php?id=10289)