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Das Archivale des Monats

Lieber Besucher,

hier stellt Ihnen das Stadtarchiv jeden Monat ein anderes historisches Dokument aus seinen reichhaltigen Beständen vor. Viel Spaß beim Stöbern in der Stadtgeschichte.

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Archivale August 2018

Helmut Kölbl ist den an der Stadt- und Heimatgeschichte Interessierten seit langem ein guter Bekannter: als Sammler alter Traunstein-Fotografien und Postkarten (der auch dem Stadtarchiv schon oft mit historischen Stadtansichten, die im eigenen Bestand fehlen, ausgeholfen hat); als Verfasser der Traunsteiner Straßenbücher mit seinem Freund Werner Paul Hellmuth – 180 Straßen unserer Stadt haben die beiden inzwischen mit alten und neuen Bildern und den zugehörigen Informationen dokumentiert, sie können im Heimathaus eingesehen werden; als ehrenamtlicher Mitarbeiter des städtischen Museums, der sich engagiert der Ordnung und Erfassung der verschiedenen Sammlungsbestände (Fotografien, Bücher, Drucksachen) widmet; und nicht zuletzt als Autor zweier, auf seiner reichhaltigen Fotosammlung basierenden Bücher, „Traunstein in alten Ansichten“, erschienen 1986, und die 2012 wiederum zusammen mit Werner Paul Hellmuth zusammengestellten Traunsteiner „Zeitsprünge“, sowie als Verfasser zahlreicher fundierter stadtgeschichtlicher Aufsätze für das Jahrbuch des Historischen Vereins und die Chiemgau-Blätter.

Lange Jahre beschäftigte er sich auch mit der postalischen Geschichte Traunsteins, speziell mit der Entwicklung und den verschiedenen Ausformungen des Traunstein-Poststempels. An die 300 postalische Belege, beginnend Anfang des 19. Jahrhunderts, endend in der Gegenwart, umfasst seine hochinteressante und wertvolle Sammlung. Vor wenigen Wochen hat er diese dem Stadtarchiv als Geschenk ohne jede Gegenleistung übereignet, um den dauerhaften Erhalt dieser Dokumente zu sichern und sie der Forschung zugänglich zu machen. Nicht viele trennen sich derart uneigennützig von liebgewonnenen Sammlerstücken. Umso mehr verdient es Helmut Kölbl, den der Historische Verein 2014, ebenso wie seinen Weggefährten Werner Paul Hellmuth, zum Ehrenmitglied ernannt hat, an dieser Stelle einmal genannt zu werden. Lieber Helmut, herzlichen Dank für alles, was Du für das Stadtarchiv getan hast!

Wie im Vormonat angekündigt, wird sich die Serie „Archivale des Monats“ auch im August 2018 mit der postalischen Traunstein-Stempelsammlung befassen, die Helmut Kölbl dem Stadtarchiv unentgeltlich übereignet hat.

Der erste Beleg ist eine auf den ersten Blick einfache Postkarte, frankiert mit 15 Pfennigen, abgestempelt und zugleich entwertet am 14. Februar 1920 in Traunstein, adressiert an die Bettfedernfabrik J. Schöpflich und Adler in der Kreittmayrstraße 5 in München. Dem rückseitigen Text ist zu entnehmen, dass Franz Xaver Reiter, ein damals am Stadtplatz, Hausnummer 8, beheimateter Kaufmann, auf diesem Weg dort folgende Bestellung aufgibt: Ersuche, wenn möglich, mir noch grau Rupf [= graue Daunen] a Kilo M[ark] 55 zu senden – 10 Papier-Säcke à 0,5 Kilogramm, 10 à einem, 5 à anderthalb sowie 5 à zwei Kilo, wie gehabt. Die Rupfensäcke sende ich heute per Post ab.

Nichts Besonderes, möchte man, wie gesagt, meinen. Dennoch dokumentiert die Vorderseite der Karte einen Teil dessen, was Bayern um 1920 nachhaltig geprägt hat und zum Teil bis heute nachwirkt, und zwar in Gestalt der beiden Briefmarken, einer grünen 5- sowie einer roten 10-Pfennig-Marke, die das Porträt des bayerischen Königs Ludwig III. zeigen. Diese Serie erschien 1914, ein Jahr, nachdem Ludwig im Alter von 69 Jahren zum König proklamiert worden war. Seine Regentschaft, stark beeinflusst von der Schreckenszeit des 1. Weltkriegs, endete am 7. November 1918, als ihn Kurt Eisner im Zuge der revolutionären Ereignisse für abgesetzt erklärte und zugleich den „Freistaat Bayern“ ausrief. Der König entband die Beamten und Soldaten von ihrem Treueeid, verweigerte jedoch die Abdankung. Nach zweimaligem Exil kehrte er im April 1920 wieder nach Bayern zurück. Die letzten Monate seines Lebens verbrachte er auf Schloss Wildenwart im Chiemgau. Er verstarb am 18. Oktober 1921. Mit Ludwig III. endete die 738 Jahre währende Herrschaft der Wittelsbacher Dynastie über Bayern.

Auch postalisch reagierte man. Neue Briefmarken konnte oder wollte man sich nicht leisten. Also überdruckte man ab 1919 einfach das Konterfei Ludwigs mit „Freistaat“ oder „Volksstaat“ Bayern, wobei Volksstaat, das deutsche Synonym für Demokratie, als Kampfbegriff gegen den Obrigkeitsstaat verwendet wurde. Geblieben ist bis heute der Freistaat, nicht mehr in seiner ursprünglich antimonarchischen Bedeutung, sondern als Ausdruck für die föderalistische Gliederung Deutschlands, als Teil des bayerischen Selbstverständnisses – und des Staatsnamens: „Bayern ist ein Freistaat“ (Bayerische Verfassung von 1946, § 1 Abs.1). In unserem Beispiel „kleben“ die alte Monarchie und der neue Freistaat – bzw. die Ludwig-III.-Briefmarken ohne und mit Aufdruck – einträchtig nebeneinander. Man hatte beim Kaufmann Reiter 1920 wohl noch einen Altbestand von 5-Pfennig-Marken, den man natürlich aufbrauchte – und scheinbar ungestört von der neuen Staatsgewalt auch noch verwenden durfte.

Ihren Höhepunkt erreichten die schweren Jahre nach dem grausamen und sinnlosen ersten Weltkrieg im Jahre 1923, als die seit dem Friedensvertrag von Versailles ungehindert fortschreitende Geldentwertung kulminierte. 1921 wies die Mark noch ein Hundertstel, 1922 nur noch ein Tausend­stel ihres Wertes von 1914 auf. 1923 dann sorgte eine Hyperinflation für den endgültigen Zusammenbruch der deutschen Wirtschaft und des Bankensystems. Im November stand der Kurs für einen US-Dollar bei 4,2 Billionen Mark.

Ganz einfach und dennoch überaus eindrucksvoll dokumentieren Postbelege die damaligen Zustände. Nicht nur die Gelddruckanlagen, auch die Nennwerte der Briefmarken konnten dem Tempo des Verfalls nicht mehr folgen. So musste in unserem zweiten Beispiel ein nicht bekannter Absender aus Schleching, der am 26. August 1923 ein Einschreiben an die Großhandlung C. Kerscher in Traunstein (sie wurde bereits seit 1903 von Heinrich Brandweiner geführt) absandte. Dort kam es tags darauf an. Frankieren musste der Unbekannte seinen Brief mit 39.500 Mark, die er sich mit insgesamt 79 500-Mark-Marken „zusammenklebte“. Zum Vergleich: In den unermesslichen Weiten des Internets fand der Autor ein von einem Auktionshaus angebotenen, ebenfalls eingeschriebenen Brief bayerischer Provenienz aus dem Jahr 1920. 80 Pfennig betrug das Porto, das eine Marke aus der oben aufgeführten König-Ludwig.-III.-Serie mit dem Aufdruck „Volksstaat Bayern“ beglich. Drei Jahre später war es um das sage und schreibe 49.375-fache höher!

Aber das war noch nicht das Ende der Fahnenstange, wie unser dritter und letzter Beleg zeigt; ein „normaler Brief“, nicht eingeschrieben, den der Traunsteiner Kinobesitzer Anton Goldner jun. am 16. November 1923 an das Frl. Anny Lehneis, Köchin auf Schloss Kropf[s]berg bei Brixleg (Tirol) sandte. 10 Milliarden betrug das geradezu wahnwitzig anmutende Porto, noch einmal gut zweihundertfünfzigtausendmal mehr, als der Schlechinger drei Monate zuvor für sein Einschreiben bezahlen musste. Glück hatte Goldner insofern, als ihm für sein astronomisches Porto wenigstens die passenden Marken zur Verfügung standen. Und sein Brief dürfte auch einer der letzten gewesen sein, die so hoch frankiert werden mussten. Denn am 15. November 1923 hatte die Rentenmark (zum Kurs von einer Billion Mark) dem Inflationsgeld ein Ende gesetzt, und die Verhältnisse begannen, sich langsam zu beruhigen. Ab 1. Dezember betrug das Porto für einen Inlandsbrief, statt, wie seit 12. November, zehn Milliarden wieder „normale“ zehn Rentenpfennige, die auch als nominaler Markenwert aufgelegt wurden. Die Inflation war zu Ende, doch das Volk hatte einen hohen Preis zu bezahlen. Ein wesentlicher Teil der Mittelschichten fand sich in Armut wieder. Ihre finanziellen Rücklagen waren beinahe vollständig dahingeschmolzen.

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