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Das Archivale des Monats

Lieber Besucher,

hier stellt Ihnen das Stadtarchiv jeden Monat ein anderes historisches Dokument aus seinen reichhaltigen Beständen vor. Viel Spaß beim Stöbern in der Stadtgeschichte.

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Archivale Oktober 2018

Gewerbeunterlagen zählen zu den im Stadtarchiv Traunstein verwahrten schriftlichen Quellen mit großer Aussagekraft. Zu ihnen gehören das ab 1877 angelegte „Anmelde-Register“ sowie dessen Pendant, das „Niederlegungs-Register“. Sie geben Auskunft über die Person sowie das entsprechende Haus, in dem das Gewerbe betrieben wurde. Nicht zuletzt beleuchten sie die einzelnen Gewerbe selbst, deren Ausbreitung und Weiterentwicklung mit Einführung der Gewerbefreiheit 1869 sowie der auch auf dem flachen Land einsetzenden Industrialisierung im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts enorm an Fahrt aufnahm.

Es liegt auf der Hand, dass bei den Recherchen zur Mineralwasser­fabrik der Gebrüder Kronacker, vorgestellt im Beitrag des vergangenen Monats, als Erstes diese chronologischen, mit einem alpha­betischen Index erschlossenen Gewerbeeinträge herangezogen wurden, um Näheres zu erfahren. Und man wird rasch fündig: Unter der laufenden Nummer 106 ließ Erasmus Kronacker sich am 17. Dezember 1914 als „Mineralwasserhersteller“ mit einem „Laden [in der] Scheibenstraße Nr. 8“ registrieren und bestätigte dies mit seiner Unterschrift. Sein Bruder Max, mit dem Erasmus die kleine Fabrik gemeinsam führte, meldete diese am 4. Juni 1920 mit folgendem Vermerk wieder ab: „Nebenbez[eichnetes] Geschäft an Stephan Baumgartner käuflich abgegeben u. von letzterem am 1.6.[19]20 übernommen.“ Auch er unterschrieb eigenhändig.

Soweit, so gut, damit könnte man diesen Vorgang eigentlich ad acta legen. Und zu den Gewerberegistern ist ebenfalls alles gesagt, wäre da nicht ein Umstand, der selbst den Bearbeiter, der in dieser Hinsicht doch einiges gewohnt ist, bass erstaunte. Mineralwasserherstellung war nämlich beileibe nicht das einzige Geschäft, das die Brüder Kronacker betrieben – es war eines von vielen.

Während Erasmus mit beachtlichen sieben An- und zwei Abmeldungen zwischen 1913 und 1927 zu Buche schlägt, was zur damaligen Zeit noch nicht völlig aus dem Rahmen fällt, schießt Max hier, man muss es so ausdrücken, „den Vogel ab“: 17 Anmeldungen zwischen 1909 und 1929,teilweise zwei pro Jahr, bei nur acht Abmeldungen! Grund genug, einen etwas genaueren Blick auf das Leben der Kronackers zu werfen, soweit die wenigen vorhandenen Unterlagen dies erlauben.

Anna Kronacker, geboren am 15. Juni 1864 in Wald an der Alz, von Beruf „Blumenmacherin“, zog am 7. September 1900 nach Traunstein. Zunächst bot sie als Hausiererin ihre selbst gebastelten Kunstblumen sowie Zuckerwaren feil, bevor sie sich dem Obsthandel zuwandte. Sie war ledig, aber nicht allein. Mit ihr kamen ihre Mutter Maria, Näherin, geboren am 27. April 1830 in Feichten an der Alz, sowie die beiden Söhne Erasmus, geboren am 2. Juli 1884 in Wald an der Alz, und Maximilian, geboren am 18. Juni 1888 in Burghausen; ein dritter Sohn, Josef, erblickte am 9. März 1902 in Traunstein das Licht der Welt. Alle drei wuchsen, wie schon zuvor ihre Mutter Anna, ohne Vater auf. Maria Kronacker erhielt zeitweise „Medikamenten­abgabe auf Kosten der Armenpflege“. 14 Mal wechselte die Familie in den folgenden Jahren die Wohnung, verzog 1904/05 für einige Monate nach Teisendorf, bevor sie in der Scheibenstraße 8 eine längere Zuflucht fand.

Schon am 17. September 1917 starb, so der Text der Todesanzeige, im Städtischen Krankenhaus in Heilig Geist „nach langem Leiden und öfterem Empfang der heiligen Sterbesakramente die ehrengeachtete Anna Kron­acker, Früchtehändlerin, im Alter von [nur] 53 Jahren“. Den zahlreichen Teilnehmern an der Beerdigung galt kurz darauf die öffentliche Danksagung der „tieftrauernden Hinterbliebenen“ aus Traunstein, Burghausen und Meran. Drei Jahre später, am 22. Juni 1920, verschied Maria Kronacker, „Privatiere, im Gott gesegneten Alter von 90 Jahren“. Josef Kron­acker, damals von Beruf Hilfsarbeiter, verzog 17-jährig am 20. Juni 1919 nach München. 1932 heiratete er in Berchtesgaden Therese Lengfellner, führte dort als Kaufmann ein Lebensmittelgeschäft und verdingte sich zudem als „Plakateur“. E starb am 19. Dezember 1964. Die Ehe blieb kinderlos.

Erasmus und Max Kronacker blieben in Traunstein. Beide waren als Soldaten der Infanterie im 1. Weltkrieg. Erasmus, der eine Berufsausbildung als Mechaniker bzw. Metallgießer vorweisen konnte und kurzfristig nach Stuttgart verzogen war, diente von 1915 bis 1918. Am 29. Dezember 1915 wurde er bei Arras durch einen Granatsplitter an der linken Hand verwundet, verbrachte mehrere Monate in verschiedenen Lazaretten und wurde anschließend zum Grenzschutz nach Finsterau (Landkreis Freyung-Grafenau) versetzt. Max, der allem Anschein nach keine handwerkliche Ausbildung durchlaufen hatte, erfüllte sein Pflicht von 1914 bis 1916. Auch er war in Frankreich an der Front, wurde am 7. Dezember mit dem Eisernen Kreuz 2. Klasse ausgezeichnet, im Juli 1915 wegen Krankheit in ein Lazarett eingeliefert und wohl deshalb vorzeitig entlassen. Beiden wurde eine sehr gute Führung bescheinigt, disziplinarische Strafen mussten zu keiner Zeit verhängt werden. Es verwundert lediglich, dass in den verschiedenen Personalunterlagen, den im Bayerischen Hauptstaatsarchiv, Abteilung IV Kriegsarchiv, verwahrten Kriegsranglisten und -stammrollen, die zu Erasmus Kronacker existieren, seine familiäre Herkunft an einer Stelle abweichend dokumentiert ist. Demnach wären seine Eltern „Johann [verstorben] und Anna Kronacker, geborene Feuer, Briefträgerseheleute in Traunstein“ gewesen. Dies ist nachweislich falsch! Ein Versehen, der geheime Wunsch nach geordneten Verhältnissen oder einfach nur eine – warum auch immer – geschönte Biografie? Die Antwort bliebt unklar.

Die Texte der Todesanzeigen für Mutter und Großmutter jedenfalls bezeugen die Achtung und den Stolz der Söhne beziehungsweise Enkel. Zudem lassen sie eine verbesserte materielle Situation, heraus aus dem „Arme-Leute-Leben“, zumindest erahnen. Unterstrichen wird dies durch die Tatsache, dass Max Kronacker ab 1919 „Selbstbesitzer“ des Hauses Scheibenstraße 8 ist. Ob dieser bescheidene Wohlstand von Dauer war, lässt sich nicht sagen; dafür fehlen die erforderlichen Quellen, die nur ein privater Nachlass bieten könnte. Fakt ist jedenfalls, dass ab 1927 die Zeit als Hausbesitzer wieder vorbei war. Von nun an wohnten beide Brüder wieder zur Miete. Fakt aber ist auch, dass beide fast schon manische Unternehmer waren, die ihr Glück unter allen Umständen suchen, ja eher schon erzwingen wollten. Als Beleg dafür seien nachfolgend Maximilian Kronackers Gewerbeanmeldungen aufgeführt, unkommentiert und im Wortlaut, lediglich in Klammern mit dem Jahr der Abmeldung ergänzt, falls es eine solche überhaupt gab:

1909 (1) Gemüsehandel im Umkreis von 15 km (abgemeldet 1911); 1909 (2) Steingutwaren- und Alteisenhandel und Hadernniederlage (abgem. 1911); 1913 Schweinehandel; 1916 Obst- und Gemüsehandel (abgem. 1921); 1917 Handel mit Spirituosen aller Art; 1919 (1) Pferdehandel (abgem. 1921); 1919 (2) Manufakturwaren, Spezerei- und Zigarrengeschäft; 1920 (1) Gemischtwarengeschäft (abgem. 1921); 1920 (2) Obst- und Beerenweinkelterei; 1921 (1) Viehhandel; 1921 (2) Großhandel mit Gemüse und Obst (abgem. 1922); 1924 Metzgerei (abgem. 1927); 1925 Filiale der Fleischverwertung und Metzgerei im Haus Ludwigstraße 5 (abgem. 1926); 1926 (1) Flaschenbierhandel; 1926 (2) Obst- und Südfrüchtenhandel [sic] sowie Gemüsehandel; 1927 Handel mit Lebensmitteln; 1928 Metzgerei Scheibenstraße 27 (abgem. 1929).

Ob Max und Erasmus ihr (materielles) Glück fanden, muss, wie gesagt, offen bleiben. Verheiratet jedenfalls waren beide nicht. Maximilian, wohnhaft Rosenheimer Straße 58, der sich zuletzt als „Lastfuhrunternehmer“ verdingte, starb am 21. September 1944 im Städtischen Krankenhaus, Erasmus, wohnhaft Kniebos 3, „ehemaliger Früchtehändler [und] Futtersammler“, am 9. Januar 1954 im Prinz-Ludwig-Heim an der Wasserburger Straße. Eine Todesanzeige oder einen Nachruf sucht man in der Lokalzeitung vergeblich. Unbeachtet, wie sie fünf Jahrzente zuvor begonnen hatte, endete die Geschichte der Gebrüder Kronacker in Traunstein; die Geschichte über das Leben einfacher Leute in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, einer Zeit, die noch gar nicht so lange zurück liegt, deren soziale Verhältnisse man sich heute jedoch schon kaum mehr vorstellen kann – und mag. Aber: Auch sie haben Spuren hinterlassen. Man muss nur nach ihnen suchen.

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