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Das Archivale des Monats

Januar 2021

Ein Traunsteiner Fotograf dokumentiert die Eröffnung der Skisprungschanze
am Kälberstein in Berchtesgaden

Einen ungewöhnlichen Weg nahm das erste Archivale des Monats im Jahr 2021, um Eingang im Stadtarchiv zu finden. Als eine von zwei gerahmten Aufnahmen mit Motiven aus der Frühzeit des Skispringens wurde sie im Herbst des vergangenen Jahres im städtischen Wertstoffhof an der Scheibenstraße abgegeben. Karl Riedl, das ›Gesicht des Wertstoffhofes‹, ist – wenig verwunderlich, war er doch in seiner Jugend ein herausragender Ringer – seit jeher (aktiv wie passiv) sportinteressiert. Und er hat auch stets ein waches Auge, wenn alte Bücher, Fotografien, Bilder etc. bei ihm auftauchen, die im Zusammenhang mit der Geschichte der Stadt Traunstein und ihrer Umgebung stehen. Folgerichtig zeigte er die Bilder dem Berichterstatter, der signalisierte (an einem Freitagnachmittag bei der Entsorgung seiner privaten Wertstoffe) das Interesse des Stadtarchivs und schon war die städtischen Fotosammlung wieder um zwei außergewöhnliche Objekte reicher.

Doppelsprung der Gebrüder Neuner, 1925 | Foto: Kurt Meiche

Die Zuordnung des Bildes im Format 45 × 35,2 cm, das laut der rechts unten zu lesenden Beschriftung einen »Doppelsprung [der] Gebrüder Neuner, Partenkirchen, [in] Berchtesgaden 1925« zeigt, fiel dem Bearbeiter leicht. Die künstlerische Ausführung und auch die Handschrift verweisen eindeutig auf den Traunsteiner Fotografen Kurt Meiche. Der gebürtige Sachse, der am 20. April 1885 in Annaberg als Sohn des Fotografen Albin Franz Meiche und seiner Frau Lydia das Licht der Welt erblickt hatte, kam 1919 nach Traunstein und eröffnete 1920 zunächst in der Au, Hausnummer 40 (heute Salinenstraße 6), ein Atelier. Wenig später verlegte er es in die Obere Hammerstraße 18 a.

Kurt Meiche, um 1946 | Stadtarchiv Traunstein: Sammlung Passbilder

Nach seinem Tod am 25. Februar 1951 übernahm sein Bruder Horst (* 26. Februar 1893 in Annaberg; † 13. Mai 1983 in Traunstein) das Geschäft. Ihm folgte 1973 schließlich seine (und seines Bruders) Nichte Ursula Greuner, die zuvor schon bei ihrem Onkel als Fotografin gearbeitet hatte und nun »Foto Meiche« 24 Jahre bis zum Eintritt in den wohlverdienten Ruhestand 1997 weiterführte. Einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin hatte sie nicht – die digitale Fotografie stand vor der Tür, der Berufsstand sah schweren Zeiten entgegen; eine Geschäftsaufgabe war somit unvermeidlich. Es war ein glücklicher Umstand, dass Ursula Greuner und das Stadtarchiv einander nicht fremd waren. Des Öfteren hatte sie in ihren letzten Berufsjahren Fotoaufträge für diese städtische Kultureinrichtung erledigt. Auch an der Ausstellung zur Geschichte der Fotografie in Traunstein, 1989 in der Städtischen Galerie im Rahmen des 150. Geburtstages dieses – heute allgegenwärtigen – Mediums veranstaltet, hatte sie sich engagiert beteiligt. Dabei reifte in ihr die Gewissheit, dass für ihren fotografischen Nachlass das Traunsteiner Archiv der richtige Ort wäre. Gedacht – getan: Anfang 1998 übergab sie der Stadt das gesamte Material, mehrere Zehntausend Papierabzüge, Filmnegative in verschiedensten Formaten und Glasplatten, alles von ihr akribisch vorsortiert!

Scan des Glasnegativs zum fotografischen Abzug | Stadtarchiv Traunstein: MOS 210

Ein Highlight, eines von vielen, dieses unschätzbar wertvollen Bestandes sind Kurt Meiches zahlreiche Bilder aus den Anfangsjahren des Skisports im Chiemgau, dem Berchtesgadener Land und im benachbarten Österreich. Eines davon haben wir vor uns, und das Gute daran ist, dass man es nicht nur dem Fotografen Kurt Meiche zuschreiben, sondern den Nachweis seiner Urheberschaft sogar zweifelsfrei führen kann. Im bis Ende 2000 auf Grundlage der Vorarbeiten von Ursula Greuner im Stadtarchiv systematisch geordneten und verzeichneten »Nachlass Meiche« findet sich unter der Signatur MOS 210, Betreff »Skispringer, nicht datiert«, das diesem Papierabzug zugrundeliegende Glasnegativ. Zum Vergleich hat der Verfassers dieses sozusagen ›digital entwickelt‹, sprich mit den dafür notwendigen Einstellungen gescannt.

Wer mehr über die Geschichte dieses außergewöhnlichen Bildes und die Umstände, unter denen es vor fast 100 Jahren entstanden ist, erfahren möchte, dem sei der ausführliche und detailliert belegte Aufsatz empfohlen, den der Schreiber dieser Kolumne für eine der Januar-Ausgaben der Chiemgau-Blätter (= Samstag-Beilage des Traunsteiner Tagblatts) verfasst hat.

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