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Das Archivale des Monats

Lieber Besucher,

hier stellt Ihnen das Stadtarchiv jeden Monat ein anderes historisches Dokument aus seinen reichhaltigen Beständen vor. Viel Spaß beim Stöbern in der Stadtgeschichte.

Archivale März 2020

Reise in die chinesische Vergangenheit | Der Nachlass der Familie von Tarnoczy

Von Zeit zu Zeit werden dem Stadtarchiv Nachlässe bekannter Traunsteiner Persönlichkeiten angeboten und von diesem auch stets gerne genommen. So geschah es auch im September 2018, als der Verfasser dieser Zeilen Unterlagen des bekannten Traunsteiner Kunstmalers Eugen von Tarnoczy (1886–1978) von einem entfernten Verwandten, dessen Mutter bei von Tarnoczys Tod dessen Haupterbin war, in Empfang nehmen durfte. Dessen Leben und Schaffen soll jedoch hier nicht näher thematisiert werden. Damit befasst sich aktuell der Traunsteiner Heimatforscher Walter Staller, und wenn alles wie geplant abläuft, kann man seine Erkenntnisse im nächsten Jahrbuch des Historischen Vereins für den Chiemgau zu Traunstein nachlesen, das wie gewohnt im Dezember erscheinen wird.

Derzeit werden die – stark durcheinandergeratenen – Unterlagen, die nicht nur Eugen, sondern auch dessen Bruder Friedrich (1888–1920) sowie das Leben der Eltern Alfons (1846–1916) und Margarethe (Marguerite), geborene Bennert (1863–1961) von Tarnoczy und überhaupt die Geschichte dieser weit verzweigten Familie mit ungarischen Wurzeln beleuchten, gesichtet, neu geordnet und verzeichnet. Und wie in solchen Fällen üblich, findet man dabei auch hochinteressante Einzelstücke, die wohl kaum jemand im Archiv einer oberbayerischen Provinzstadt vermuten, geschweige denn dort suchen würde. Dies gilt auch für die beiden hier gezeigten Fotografien.

 „Briefe in die chinesische Vergangenheit“ – so betitelte Herbert Rosendorfer (1934–1912) seinen wunderbaren Briefroman, in dem er seinen Protagonisten, einen chinesischen Mandarin aus dem 10. Jahrhundert, eine Zeitreise in das Bayern unserer Tage machen und ihn darüber berichten lässt. Wir gehen den umgekehrten Weg und blicken mit diesen beiden Fotografien zurück – aus Bayern in die chinesische Vergangenheit vor gut 100 Jahren.

Alltagsszene aus Jinan, der Hauptstadt der chinesischen Provinz Shandong, nach 1912

„Straße in Tsinanfu (Shantung)“ und „Bahnhof in Tsinanfu (von Deutschen gebaut)“, so hat Eugen von Tarnoczy diese beiden Fotos auf ihrer Rückseite beschriftet; datiert sind sie leider nicht. Somit wissen wir bislang nicht, wann genau und in welchen Zusammenhang diese beiden bemerkenswerten (und auch historisch wertvollen) Aufnahmen entstanden sind, ob er diese bei einer Chinareise selbst angefertigt hat oder von wem sie sonst stammen. Diese offenen Fragen können in Zukunft vielleicht entsprechende weitere Unterlagen aus seinem Nachlass beantworten, falls es diese gibt um man sie findet. Für die Aussagekraft dieser Aufnahmen aus einer längst vergangenen Welt sind sie unerheblich.

Der Bahnhof in Jinan, nach 1912

Zwischen 1899 und 1904 wurde von der Schantung-Eisenbahn-Gesellschaft, einem Zusammenschluss verschiedener deutscher Banken und Bergbauunternehmen, eine Eisenbahnstrecke gebaut, die Tsingtau, damals ein Fischerdorf, heute Qingdao, eine bedeutende Hafenstadt im Osten Chinas am Gelben Meer, mit der etwa 400 km westlich gelegenen Hauptstadt Tsinanfu (heute Jinan) der Provinz Shandong verbindet, die Shandong-Bahn, (in der deutschen Literatur auch Schantung- oder Shantung-Bahn). Ziel war die Erschließung des Hinterlandes der deutschen „Musterkolonie“ Kiautschou und die Verbesserung des Transportes von Gütern, vor allem Kohle und Eisenerz, die für den Export in das Deutsche Reich bestimmt waren. Von Jinan hatte sie Anschluss an das gesamte chinesische Eisenbahnnetz und damit auch an die Transsibirische Eisenbahn. In zwölf bis vierzehn Tagen konnte man damals von Berlin nach Tsingtau fahren.

Der Bau der Eisenbahnstrecke rief starken Widerstand in der chinesischen Bevölkerung hervor. Er wurde zügig vorangetrieben, ohne die Besitzverhältnisse ausreichend zu klären und ohne Rücksicht auf die einheimische Bevölkerung sowie das teilweise empfindliche Ökosystem der Region zu nehmen. Die Gesellschaft zahlte außerdem unpünktlich oder einen unterdurchschnittlichen Preis für Grund und Boden. Um den Widerstand zu brechen, ließ der Gouverneur von Kiautschou Militär in die entsprechenden Regionen, unter anderen nach Gaomi, entsenden. Andauernde Streitigkeiten und das Aufflammen des Boxeraufstandes führten im Jahr 1900 zu vielfachen Zerstörungen der Eisenbahn- und Telegraphenverbindungen, was weitere Strafaktionen von Seiten des Gouverneurs und der Aktiengesellschaft hervorrief. Mit einer dauerhaften Stationierung von Soldaten, der Errichtung einer Kaserne und der systematischen Vernichtung von Dörfern und der ländlichen Bevölkerung wurde der Widerstand gegen den Bau der Eisenbahnlinie gebrochen.1 1904 wurde sie in Betrieb genommen.

„Die Stadt Jinan, Hauptstadt der chinesischen Provinz Shandong, gehört von 1897 bis 1914 zum so genannten deutschen ‚Schutzgebiet‘ im damaligen Tsingtao. Der dortige, vom deutschen Architekten Hermann Fischer im Jahr 1912 fertiggestellte Bahnhof rangiert einst unter den größten und schönsten in Asien. Mehr noch wird das Gebäude mit dem markanten runden Turm und der grünen Kuppel rasch zum Wahrzeichen der Stadt … Natürlich wird es im Zuge der stürmischen wirtschaftlichen Veränderungen in China im Jahr 1992 abgerissen, wird doch das prägnante Gebäude den verkehrstechnischen Erfordernissen nicht länger gerecht.“2

Folgt man einem Artikel in der Frankfurter Zeitung vom 1. Oktober 2013, sehen die Verantwortlichen den Abriss dieses Baudenkmals inzwischen als Fehler und planen dessen Wiederaufbau nach alten Vorlagen. „Stadtplaner und Bauunternehmer nutzten die nostalgischen Gefühle der Einwohner, aber tatsächlich sei der Wiederaufbau nur Teil eines gigantischen Projekts rund um den Bahnhof, wo neue Wohnhäuser und ein Einkaufszentrum entstehen. Der Wiederaufbau alter Kulturdenkmäler ist ein neues Phänomen in China. Weniger aus kulturellen Gründen als aus der Einsicht, dass sich mit alten Bauten Touristen anlocken lassen, werden überall in China Baudenkmäler wieder aufgebaut.“3 Ob und wie weit dieses durchaus umstrittene Vorhaben inzwischen vorangetrieben wurde, konnte der Autor in den unermesslichen Weiten des Internets leider nicht eruieren.

Anmerkungen

1. Siehe: Schantung-Bahn, unter: https://de.wikipedia.org/wiki/Schantung-Bahn (abgerufen am 28.2.2020).

2. Der Deutsche Bahnhof von Jinan. Kooperation von zwei Archiven im Zeichen der deutsch-chinesischen Geschichte, unter: https://www.heidelberg.de/hd/HD/Rathaus/Der+Deutsche+Bahnhof+von+Jinan.html (abgerufen am 28.2.2020).

3. Petra Kolonko, Nostalgie plus Shopping-Mall, unter: https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/menschen/deutscher-bahnhof-in-china-nostalgie-plus-shopping-mall-12599551.html  (abgerufen am 28.2.2020).

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