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Das Archivale des Monats

Lieber Besucher,

hier stellt Ihnen das Stadtarchiv jeden Monat ein anderes historisches Dokument aus seinen reichhaltigen Beständen vor. Viel Spaß beim Stöbern in der Stadtgeschichte.

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Archivale Juli 2019

Zugegeben, das dieses Mal als „Archivale des Monats“ vorgestellte Objekt ist kein Archivale, wie weit man den Fachbegriff auch auslegen mag. Dennoch möchte es der Stadtarchivar seinen (hoffentlich recht zahlreichen) treuen Lesern dieser virtuellen Kolumne nicht vorenthalten, und das hat seinen Grund.

Im Rahmen des Jubiläums „400 Jahre Salzgeschichte“, das Oberbürgermeister Christian Kegel mit der feierlichen Eröffnung des Salinenparks in der Au am 12. Juli um 19 Uhr einleiten wird, war eigentlich auch eine größere, mit lokalen Objekten sowie privaten und öffentlichen Leihgaben bestückte Ausstellung zur Traunsteiner Salzgeschichte geplant. Die Vorarbeiten waren bereits angelaufen, als Stadtarchiv und Städtische Galerie, die gemeinsam an der Konzeption arbeiteten, realisierten, dass es dazu nicht kommen wird. Warum? Nun, der vorgesehene Ausstellungsraum, die Städtische Galerie an der Ludwigstraße im Kulturforum Klosterkirche, erfuhr eine Bauverzögerung und kann daher zu diesem Jubiläum noch nicht genutzt werden. Und ein anderer, gleichwertiger Raum, der die Vor­gaben, die eine solche Ausstellung zwingend nach sich zieht, erfüllen kann, war leider nicht vorhanden. Also mussten die Verantwortlichen sich diesen nicht vorhersehbaren Gegebenheiten stellen: Eine deutlich kleinere, nichts desto Trotz aber dennoch feine Ausstellung unter dem Titel „Wo kommt die Prise Salz her?“ wird ab 18. Juli in der Alten Wache des Traunsteiner Rathauses ihre Pforten öffnen, und der Frage „Traunstein ohne Salz?“ gehen neun versierte Autoren in einem Buch nach, das am 15. Juli öffentlich vorgestellt wird. Es ersetzt quasi die geplante Ausstellung zur Traunsteiner Salzgeschichte „auf dem Papier“, mit 208 Seiten und 155 historischen Abbildungen.

Nicht gezeigt wird dabei dieses „falsche Archivale“ des Monats Juli, eine Tabakspfeife mit salinarischen Motiven, die man natürlich eindeutig als Museums- oder Sammlungsgut bezeichnen muss. Das außergewöhnliche Utensil befindet sich im Besitz des Traunsteiners Werner Pröbstl, der es auf Vermittlung von Hans Helmberger, des Vorsitzenden des Historischen Vereins für den Chiemgau zu Traunstein e. V., gerne als Leihgabe dieser (vorerst) gescheiterten Ausstellung zur Verfügung gestellt hätte. Es hätte die Präsentation ohne Zweifel bereichert. Um es nicht völlig unter den Tisch fallen zu lassen, soll es zumindest hier einem interessierten Publikum in Wort und Bild gezeigt werden.

Wir sehen eine Langpfeife, deren Hals der namentlich nicht bekannte Schnitzer einem Reh­gwichtl nachempfunden hat. Deckel, Kette und vermutlich auch das Gewinde sind aus Silber. Das eigentlich Interessante aber ist der Kopf aus Kirschholz, dessen Relieffiguren Szenen aus der Salzherstellung, genau gesagt, die Arbeit an einer Sudpfanne und das Einfüllen des fertigen Salzes in Fässer (Detail 1), und den Salztransport in einem Pferdefuhrwerk (Detail 2) zeigen. Oberhalb erkennt man über die gesamt Rundung eine landwirtschaftliche Darstellung, einen Bauern, der mit seinem Gaul den Acker pflügt, und daneben am Übergang zum Pfeifenhals unter Blattornamenten die Initialen „S. R.“, der Mittelstrich des „R“ dabei als Kreuz gestaltet. Hier liegt nahe, dass es sich um die Abkürzung von Sankt Rupertus handelt. Der heilige Rupert, erster Bischof von Salzburg, gilt nicht nur als „Apostel Bayerns“, er ist auch der im Volksglauben verankerte Salzheilige, dessen Bildnis mit dem klassischen Attribut des Salzfasses man – plastisch oder gemalt – in zahlreichen Kirchen unserer Region antrifft. Der Boden ist mit stilisierten Akanthusblättern verziert. (Akanthus = Bärenklau, eine distelähnliche, krautige Pflanze, im Mittelmeerraum und Asien beheimatet).

Werner Pröbstl hat das gute, ja hervorragende Stück von seiner Tante Elisabeth Köppel und die wiederum von ihrem Vater geerbt. Elisabeth Köppel erblickte am 16. November 1893 in Bad Reichenhall das Licht der Welt. Ihre Eltern, der Postbote Sebastian Köppel, geboren am 12. November 1861 in der (bis zum 31. Dezember 1981 selbständigen und seither zum Markt Berchtesgaden gehörigen) Gemeinde Salzberg und die Dienstmagd Elisabeth („Elise“) Bernhaupt, geboren am 19. November 1863, ebenfalls in Salzberg, hatten am 8. Januar 1893 in Bad Reichenhall geheiratet. Elisabeth wurde, vermutlich angeleitet von ihrem Vater, Postassistentin – Beamtin im nichttechnischen mittleren Verwaltungsdienst – in einer Zeit, als die Post noch eine staatliche Behörde war. Sie blieb unverheiratet und verstarb 82-jährig am 17. Juni 1976 in ihrem Geburtsort.

Verwandt im eigentlichen Sinn aber waren die Familien Pröbstl und Köppel nicht! Warum also „Tante“? Die Antwort ist ebenso einfach wie berührend. Elisabeth Köppel lebte in der Tiroler Straße 16, und dort wohnte als kleiner Bub für einige Jahre auch Werner Pröbstl mit seinen Eltern und seinem Bruder (in sehr bescheidenen Verhältnissen, nebenbei bemerkt; fließendes Wasser etwa gab es dort nicht). In dieser Zeit entwickelte sich zwischen der älteren Nachbarin und den Kindern eine derart intensive Beziehung, dass Elisabeth Köppel für sie einfach die „Tante Liesi“ wurde – und blieb. Was noch erwähnenswert ist: Ihr Vater war, so hat es Tante Liesi ihrem „Neffen“ erzählt, zeitlebens Nichtraucher, nicht einmal Bier habe er getrunken. Das Mundstück der Pfeife jedoch ist stark abgenutzt, es ist quasi zerbissen. Sie muss daher lebhaft benutzt worden sein, das aber sicher nicht von Sebastian Köppel. Von wem die Pfeife ursprünglich stammt, muss daher offen bleiben. Vielleicht hat Sebastian Köppel sie geerbt, vielleicht war es ein Geschenk oder Fundstück, gekauft haben wird sie der dem Nikotin selbst nicht verfallene Postbote, der im Bahnpostwagen die Briefe und Päckchen vorsortierte und nur ein bescheidenes Auskommen hatte, jedenfalls kaum. Auch das Alter kann man nur schätzen. Wenn man sie in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts datiert, liegt man aber sicher nicht ganz falsch.

Dass wir uns heute dieser „Salzpfeife“ überhaupt widmen können, ist auch einem glücklichem Zufall zu verdanken. Als die Amerikaner am Ende des 2. Weltkriegs Bad Reichenhall, die Wiege der bayerischen Salzherstellung, besetzten, durchsuchte ein Soldat auch die Wohnung von Elisabeth Köppel  und fand dabei das Kleinod in einer Kiste. Viele solcher Wertgegenstände nahmen die GIs damals einfach an sich mit dem Recht des Siegers, das keinerlei Einspruch duldete. Aber – Kopf und Hals lagen getrennt in der Kiste, nur mit der silbernen Kette verbunden. „Oh, kaputt“, entfuhr es dem Soldaten, und er beachtete die Pfeife nicht weiter.

 „Durch diese Fehleinschätzung ist sie uns wahrscheinlich erhalten geblieben, ansonsten wäre sie vielleicht irgendwohin nach Amerika gekommen“, so Werner Pröbstl, dem an dieser Stelle noch einmal herzlich für seine kooperative Unterstützung gedankt sei. Pröbstl ist sich sicher: „Der Schnitzer hat vom Salzhandwerk etwas verstanden!“ Dem kann man sich nur anschließen und hinzufügen: Und von seinem Handwerk (oder seiner Passion) auch. Er war augenscheinlich ein Meister seines Fachs.

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