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Das Archivale des Monats

Lieber Besucher,

hier stellt Ihnen das Stadtarchiv jeden Monat ein anderes historisches Dokument aus seinen reichhaltigen Beständen vor. Viel Spaß beim Stöbern in der Stadtgeschichte.

Archivale Juni 2018

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verlieh die Stadt Traunstein eine zunächst als „Dienstbotenmedaille“ bezeichnete Plakette in Silber für „treu geleistete fünfundzwanzigjährige Dienste [...] bei einer Herrschaft“; seit wann genau, darüber geben die im Stadtarchiv erhaltenen Unterlagen keine Auskunft. Ältester Nachweis ist die Abschrift einer Urkunde vom 4. Juni 1882. Demnach erhielt Barbara Raesner, Dienstmagd im städtischen Krankenhaus, diese Auszeichnung, verbunden mit der Zusicherung, bei Eintreten der Arbeitsunfähigkeit auf Lebensdauer ihre Unterkunft und Verpflegung im städtischen Krankenhaus zu Traunstein unentgeldlich zu erhalten“.

Festgeschrieben und nicht nur in Ausnahmefällen, sondern bei entsprechendem Antrag bzw. Nachweis verbindlich verliehen wurde diese Auszeichnung ab 1887 . Sigmund Stöttner, „Gold-, Silber- und Broncearbeiter“, fertigte zur Prägung der Medaillen zwei Wachsstempel „mit der Bestimmung, daß auf der Avers-Seite [Vorderseite] das Stadtwappen, Revers-Seite [Rückseite] die Inschrift Für 25jährige treue Dienstzeit mit einfacher Verzierung anzubringen sei“. Sollte der seltene Fall eintreten, dass jemand 50 Jahre seinem Herrn die Treue gehalten hatte, „wird die Widmung Für 50jährige treue Dienstzeit auf der Revers-Seite angebracht“.

40 Jahre später, im März 1927, war der Vorrat aufgebraucht. Wiederum über den Juwelier Stöttner wurden 100 neue Medaillen bei der Prägeanstalt Carl Pöllath in Schrobenhausen bestellt – „versilbert-oxidiert, Größe 45 mm, ohne Öse, da nicht zum Anhängen bestimmt, nebst hiezu passendem Etui“. Dieses Mal zeigte die Vorderseite das Stadtwappen, zwei Lorbeerkränze zum Eingravieren der Jahreszahl sowie den Text Die Stadt Traunstein für langjähr. treue Dienste, die Rückseite eine Stadtansicht, gezeichnet von dem bekannten Kunstmaler Hans Kaufmann. Zum 1. Januar 1939 vermerken die Akten einen Bestand von 53 „brauchbaren und einer unbrauchbaren Medaille(n)“. Bis 1944 und wieder ab 1950 bis 1969 sind Verleihungen belegt. Danach schwiegen die Unterlagen; die Ehrung war wohl aus der Zeit gefallen, Dienstboten, denen man sie zugedacht hatte, gehörten mehr und mehr der Vergangenheit an, Firmen und sonstige Arbeitgeber ehrten ihre Jubilare selbst.

Eine, die diese Auszeichnung – sowohl in Silber wie auch in Gold – erhielt, war Karolina Einsiedler, geboren am 26. Januar 1883 in Öd, Gemeinde Surberg, Köchin, Tochter des Gütlers (Kleinbauern) Andreas Einsiedler und seiner Frau Maria.

Karolina Einsiedler (1883 – 1965)

Im Alter von 16 Jahren, am 6. Juni 1899, begann ihr Arbeitsleben außerhalb des elterlichen Hofes bei Michael Schauer, Limmerbauer in Nußdorf. An Lichtmess (2. Februar) 1899 stand sie bei Lorenz Stöger, Martlbauer, ebenfalls von Nußdorf, ein, wechselte jedoch nur wenige Wochen später, am 13. März, nach Palling in das dortige Krankenhaus, wo sie bis 8. April 1913 blieb. Vom 1. Februar bis zum 3. September 1914 war sie bei der Familie des Traunsteiner Amtsrichters Johannes Steger angestellt, anschließend verschlug es sie für kurze Zeit nach München in den Haushalt von Dr. Conrad Leidl. Überall war man mit ihr mehr als zufrieden: „[…] hat sich durch ihren großen Fleiß und ihr mustergültiges Betragen meine höchste Zufriedenheit erworben.“

Seit dem 1. Dezember 1914 stand Karolina Einsiedler in Diensten des Arztes Dr. Eugen Wolf (1883–1960), dem Sohn des ehemaligen Besitzers und Leiters des Kurhauses am Klosterberg, Hofrat Dr. Georg Wolf. „Sie hat uns in diesem 25 Jahren mit nimmermüdem Fleisse, mit grösster Treue und Hingabe […] gedient, hat in den schweren Kriegsjahren 1914 bis 1918 und den folgenden harten Zeiten mit unbegrenzter Hingabe gearbeitet und sich der Pflege unserer vier Kinder mit unendlicher Geduld Tag und Nacht gewidmet. Ihre Anhänglichkeit an Haus und Familie war unübertrefflich. Sie verdient in jeder Hinsicht die für solche langjährigen Dienste vorgesehene Ehrung [...]“, so Dr. Wolf in seinem Brief an die Stadt am 12. November 1939.

Und sie bekam die „vorgesehene Ehrung“, in Silber am 5. Dezember 1939 ­ – und 25 Jahre später in Gold. Am 1. Dezember 1964 überreichte Oberbürgermeister Wilhelm Steger, für dessen Vater sie 50 Jahre zuvor gearbeitet und dabei sicher auch den damals 12-jährigen Wilhelm versorgt hatte, dem 81-jährigen „Fräulein“ (das war der damalige Sprachgebrauch!) die bei August Perchermeier vergoldete und gravierte Medaille. Knapp ein halbes Jahr später, am 9. Mai 1965, verstarb Karolina Einsiedler. Ihre letzten Tage hatte sie im Bürgerheim in Heilig Geist verbracht.: „Nach 50 Jahren treuer Dienste hat der Herr unerwartet unsere gute Karolina Einsiedler heimgeholt. In Dankbarkeit werden wir ihrer stets gedenken.“ Mit diesem Nachruf verabschiedete Florence Wolf diese wahrhaft gute Seele ihres Hauses; sie wurde im Grab der Familie Wolf beigesetzt.

Vor wenigen Wochen erhielt das Stadtarchiv als Schenkung den (wenn man es so bezeichnen mag) „Nachlass“ von Karolina Einsiedler: drei schriftliche Dokumente – das Dienstbotenbuch, ein Bescheinigungs-Buch über die Invaliditäts- und Altersversicherung sowie das Arbeitsbuch (mit dem einzigen Eintrag „Dr. Wolf, Traunstein, Hausgehilfin und Köchin, 1.12.14“), einige Andachts- und Heiligenbilder, gesammelt in einer Buchkassette, sowie die beiden Ehrenmedaillen in Silber und Gold, die bislang im Archivbestand fehlten. Dieser Umstand, aber auch das Leben der Karolina Einsiedler, ein Dokument zur Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts, bewogen den Verfasser, die beiden Plaketten, ergänzt mit dem Kaufmann-Entwurf für deren Rückseite, als Archivalien des Monats Juni zu präsentieren.

Stadtarchiv Traunstein, Akten 1870–1972, A 023/4: Verleihung einer städtischen Ehrenmedaille in Silber bzw. Gold für 25- bzw. -50-jährige Dienstzeit 1887–1944, 1950–1969

Ehrenmedaillen in Silber und Gold
Kaufmann-Entwurf für die Rückseite der Medaillen
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