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Das Archivale des Monats

Lieber Besucher,

hier stellt Ihnen das Stadtarchiv jeden Monat ein anderes historisches Dokument aus seinen reichhaltigen Beständen vor. Viel Spaß beim Stöbern in der Stadtgeschichte.

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Archivale November 2018

Den Text für das Archivale des Monats November verfasste Katharina Bepple aus Trostberg, Studentin der Historischen Kulturwissenschaften an der Philosophischen Fakultät der Universität Passau, die in der Zeit vom 6. bis zum 31. August ein studienbegleitendes Praktikums im Stadtarchiv Traunstein abgeleistet und dabei den hier vorgestellten Bestand bearbeitet hat. Herzlichen Dank dafür!

„Man lebt zweimal: das erste Mal in der Wirklichkeit, das zweite Mal in der Erinnerung.“
Honoré de Balzac

Der Verlust eines geliebten Menschen ist ein trauriges – aber leider alltägliches – Ereignis, mit welchem jeder Mensch im Verlauf seines Lebens irgendwann einmal konfrontiert wird. Doch auch wenn die sterbliche Hülle für immer unter der Erde verschwindet, bleibt die Erinnerung an vergangene Tage. Eine verschriftliche Form der Erinnerung ist der sogenannte Totenzettel, im Volksmund weiter verbreitet unter dem Begriff Sterbebild.

Es existieren die verschiedensten Ausführungen dieser Zettelchen: Große und kleine, Quer- und Hochformat, alles ist vorhanden. Die meisten enthalten ein Bild des Verstorbenen mit den wichtigsten Grunddaten wie Geburts- und Sterbedatum und -ort. Gleich, wie es auch aussehen mag, die emotionale Funktion der Trauer und Frübitte beinhaltet ein jedes Sterbebild.

Das Stadtarchiv Traunstein hat es sich zur Aufgabe gemacht, diese wertvollen Dokumente zu sammeln und zu archivieren. Mittlerweile bewahrt das Archiv über 5.000 verschiedene Sterbebilder von Personen aus dem Zeitraum vom 19. bis zum 21. Jahrhundert auf, die in Traunstein und seiner Umgebung gelebt haben. Darunter befinden sich auch ca. 200 Bilder von Gefallenen des 1. Weltkriegs. Gesammelt und aufgeteilt finden sich diese in verschiedenen Sammlungen und Nachlässen und sind seit Kurzem über ein alphabetisches Findbuch (Repertorium) erschlossen.

Für die Ahnenforschung eignen sich die kleinen Bildchen ausgezeichnet. Jedoch kann jeder, ob Familienforscher oder nicht, einen Blick auf die im Archiv vorhandenen Sterbebilder werfen. Vielleicht findet man ja einen eigenen Verwandten, dessen Bild man schon lange verlegt hat.

Interessant ist es zu beobachten, wie sich die Sterbebilder in Verlauf der Jahre entwickelt und sich jeweils zeitgemäß verändert und angepasst haben.

Betrachten wir zunächst das Bild der Klara Oberndorfer (Abb. 1). Der Totenzettel der Maurermeisters-Witwe und Wirtin ist das älteste vorhandene Exemplar in der Sammlung des Stadtarchivs. Gelebt hat die gute Frau 8. Juni 1768 bis zum 21. Mai 1849 und ist somit stolze 80 Jahre alt geworden. Typisch für diese frühe Zeit enthält er noch kein Foto, sondern ist mit Weinrebenranken und Engeln geschmückt. Wenn man ihn aufklappt, fällt der Blick auf ein der Verstorbenen gewidmetes  Gedicht. Hier eine Strophe:

Ja, Du lebtest nicht vergebens
Deine viele Jahre hier
Und du stehst im Buch des Lebens
Deine Werke folgen Dir.

In den alten Sterbebildern findet man häufig einen Text, welcher sowohl Bezug auf die verstorbene Person als auch auf Gott nimmt. Klara Oberndorfer bildet diesbezüglich keine Ausnahme.

Ein interessanter Spezialfall ist das zweite Exponat. Normalerweise bezieht sich EIN Sterbebild auf EINE Person. Selten findet man mehrere Verstorbene auf einem Bild, wie bei Ludwig und Johann Rieder (Abb. 2). Beide jungen Männer sind im 1. Weltkrieg gefallen. Charakteristisch enthält es die Abbildungen der Verstorbenen und – da sie im Krieg gefallen sind – eine Nennung des Regiments, in dem sie dienten. Das besondere dieses Totenzettels ist aber nicht das darauf Geschriebene, sondern die Bedeutung dahinter. Es zeigt die Grausamkeit eines Kriegs. Die Eltern verloren in kürzester Zeit beide geliebten Söhne! Ludwig, gerade einmal 24 Jahre alt, und Johann im 31. Lebensjahr – beide verewigt auf einem gemeinsamen Sterbebild.

Der letzte Totenzettel ist der des „Oxn-Sepp“ (Abb. 3), aufgebaut wie ein ganz gewöhnliches Sterbebild der modernen Zeit; außen eine farbige Landschaftdarstellung, innen eine Fotografie des Toten und der Text – wobei dieser das Besondere ist. Allein der Name „Oxn-Sepp“ lässt darauf schließen, dass dieser Fall alles andere als gewöhnlich ist. Hier haben Freunde und/oder Familie eine Art Schwarzen Humor bewiesen. Für sie ist es eine erheiternde Weise, die Erinnerung an den Verstorbenen aufrecht zu erhalten. Und so, wie der Mann auf dem Bild lächelt, hätte wohl auch er seine helle Freude an dieser „Gaudi“ gehabt. Wer sagt denn, dass Sterbebilder immer ernst sein sollen? Wahrscheinlich aber gibt es noch ein weiteres, „normales“ Bild von dem lieben Oxn-Sepp, welches wir in der Sammlung bislang leider noch nicht gefunden haben.

Diese drei Beispiele aus der umfangreichen Sterbebildsammlung des Stadtarchivs Traunstein spiegeln nur einen Bruchteil der Vielfalt wider. Und egal, wie unterschiedlich sie auch sein mögen, der individuelle Wert jedes einzelnen dieser „gedruckten Zeugnisse des Ablebens“ ist unbeschreiblich groß.

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