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Das Archivale des Monats

Lieber Besucher,

hier stellt Ihnen das Stadtarchiv jeden Monat ein anderes historisches Dokument aus seinen reichhaltigen Beständen vor. Viel Spaß beim Stöbern in der Stadtgeschichte.

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Archivale Februar 2019

Gut 2.000 Urkunden verwahrt das Stadtarchiv in seinen Beständen. Die älteste beinhaltet die Stiftung eines „Ewiggeldes“ an die Kirche St. Oswald und datiert auf den 3. März 1342. Sie wurde im ersten Archivale des Monats, das im April 2017 ans Netz ging, vorgestellt. Diese Mal befassen wir uns mit der jüngsten, ausgestellt am 16. Juni 1808.

Das Regest, die Kurzzusammenfassung des Inhalts mit den wesentlichen Angaben zum Sachverhalt, den beteiligten Personen und den genannten Orten, lautet wie folgt: „Paul Hürner, Gärtner beim Salinenoberinspektor von Reichenhall und Traunstein, stellt dem Franz Xaver Pöschl nach dreijähriger Lehrzeit einen Lehrbrief aus. Pöschl ist Sohn des Franz Pöschl, Hofbedienter in Salzburg bei Ferdinand (von Toskana), Herzog von Würzburg.“ Solche Regesten gibt es zu jeder einzelnen Urkunde des Stadtarchivs. Das Repertorium (= Findbuch), das diese auf mehreren hundert Seiten zusammenfasst, kann auch über die Homepage der Stadt Traunstein eingesehen werden (unter: Kultur & Brauchtum – Städtische Kultureinrichtungen – Stadtarchiv – Beständeübersicht und Repertorien; https://www.traunstein.de/media/1987/urkunden-1342-1808-regesten.pdf); eine Möglichkeit, um bequem von zu Hause aus in die Traunsteiner Stadtgeschichte einzutauchen.

Doch zurück zu unserem aktuellen Archivale. Mit ihm haben wir eine besondere Urkunde vor uns, die nicht nur in Bezug auf ihren Text , sondern auch in ihrer Ausführung und Gestaltung hoch­interessant ist. Beginnen wir mit dem Inhalt. Jede Urkunde ist von ihrer Entstehung her gesehen nicht anderes als der Beleg für ein vollzogenes Rechtsgeschäft bzw. einen rechtlich gesicherten Status. Hier haben wir es mit einem Lehrbrief zu tun. Mit ihm konnte der aus Salzburg stammende Franz Xaver Pöschl nachweisen, dass er seinen Beruf ordnungsgemäß erlernt hatte, und sich künftig als Geselle bei einem Arbeitgeber bewerben. Solche Lehrbriefe sind an sich keine Seltenheit, eher schon Massenware, die man im Traunsteiner Bestand zahlreich und zu den verschiedensten Berufen antrifft. Im Personenregister finden sich auch einige Gärtner – und damit kommen wir zum Kern der Sache: Gärtner waren selten anzutreffen. Es war kein „klassisches Handwerk“, kein Brotberuf für die Allgemeinheit. Nur, wer sehr wohlhabend und/oder adelig war, konnte sich jemanden für die Pflege seiner Grünanlagen leisten. Dies unterstreicht eine weitere Urkunde im städtischen Archivbestand, das Testament des Salinenkaplans („Salzkaplan auf der Au“) Johann Placidus Egermayr (Nr. 1410 v. 7. Januar 1714). Darin wird als einer der Erben „Andreas Prunner, Gärtner bei Baron von Fraunhoven in der Sendlingerstraße in München“, aufgeführt.

Auch der Salinenoberinspektor – bis zu Beginn des 1790er Jahre führte er den Titel Salzmaier – konnte sich also einen Gärtner leisten. In unserem Fall war das Michael Wagner, der ab 1803 dieses Amt im benachbarten Reichenhall bekleidete und ab 1804 auch der Saline Traunstein in Personal­union vorstand. Dies zeigt, welch herausragende Stellung der Salzmaier (und später der Salinenoberinspektor) und sein führender Beamtenapparat hatten. Ihre üppige Besoldung ermöglichte ihnen ein angenehmes Leben. In Gegensatz zu den Salinenarbeitern, die zusammen mit ihren (meist vielköpfigen) Familien in den Werkdienstwohnungen auf engstem Raum hausen mussten, bewohnten sie prunkvolle Häuser am Stadtplatz. Und bei den Fronleichnamsprozessionen marschierten sie vorneweg, während die Bürgermeister nur an elfter Stelle der Zugordnung aufgeführt sind und sich die Honoratioren vom „äußern Rat“ gar ganz hinten einzureihen hatten. Kurz gesagt: Die hohen Salzbeamten dominierten bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts hinein das soziale Leben der Stadt – sehr zum Missfallen der alteingesessenen Bürger.

Kommen wir nun zur äußeren Aufmachung. Die auf teurem Pergament geschriebene Urkunde – zu dieser Zeit an sich schon eine Seltenheit – ist in der Intitulatio, so nennt man im Fachjargon die formelhafte Einleitung, mit einer verzierten, in ihrer Größe langsam abfallenden Schrift gestaltet. Die Plica (= Umbug des unteren Randes) ist, passend zum Beruf – mit einem Blumenornament verziert. Die eigentliche Besonderheit aber ist das Siegel, respektive dessen Kapsel, die das Wachs bzw. den Lack schützt. Bei sogenannten abhängend Siegeln ist diese in der Regel aus Holz gedrechselt und mit einem Pergamentstreifen befestigt. Hier aber haben wir eine Kapsel aus Elfenbein an einem grünen Seidenband. Dieses seltene und auch teurere Material betont ein weiteres Mal, dass Gärtner etwas Besonderes und nur bei sehr reichen Leuten angestellt waren.

Abschließend verbindet sich mit diesem Siegel auch eine für den Verfasser eher unrühmliche Geschichte. Beim Versuch, die Kapsel zu öffnen, um das Siegel in Augenschein zu nehmen, musste er Anfang 2018 feststellen, dass das Gewinde klemmte. Um dieses Hindernis zu überwinden, missachtete er den – ansonsten immer an erster Stelle stehenden – pfleglichen Umgang, den Archivalien zwingend einfordern. Er verstärkte seine Kraftanstrengung, leider mehr, als dem Material gut tat. Die Kapsel zerbrach in mehrere Einzelteile! Doch es gibt Gott sei Dank nur wenige Schäden, die versierte Fachleute nicht wieder beseitigen könnten. In diesem Fall fand sich dazu in Dillingen mit Frau Cornelia Rauch-Ernst eine ausgezeichnete Restauratorin, die sich diese doch nicht ganz häufig vorkommende Arbeit zutraute und auch in Perfektion ausführte. Ihr Restaurierungsbericht listet folgende Maßnahmen auf:

„Das Pergament wurde mit einem Latexschwamm trocken gereinigt. Die kleinen Fehlstellen wurden belassen, da das umliegende Pergament stabil ist und eingebrachtes neues Material die Funktion eher behindert. Siegel: Die Fügestellen wurden mit Ethanol gereinigt und mit Paraloid B72, gelöst in Ethylacetat, verklebt. Die Wachsstücke wurden wieder eingesetzt und mit rotem Siegelwachs ergänzt. Die Verschraubung wurde mit Wollwachs gereinigt. Die Seidenbänder wurden mit Feuchtkompressen entspannt und unter leichtem Druck plangelegt.“

Wenig Monate nach dem „Unfall“ waren seine Folgen wieder behoben. Der Kapsel sieht man kaum etwas an – und sie lässt sich auch wieder leicht öffnen und schließen. Somit: Kein Schaden ohne Nutzen! Und, um dem nächsten Archivale des Monats ein wenige vorzugreifen und die Neugier seiner Leser zu wecken: Es ist nicht der einzige Lehrbrief für einen Gärtner, der sich im Stadtarchiv findet. Es gibt noch einen zweiten – noch viel kunstvoller gestalteten

Foto: Cornelia Rauch-Ernst, Dillingen
Foto: Helga Haselbeck, Traunstein
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