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Das Archivale des Monats

Lieber Besucher,

hier stellt Ihnen das Stadtarchiv jeden Monat ein anderes historisches Dokument aus seinen reichhaltigen Beständen vor. Viel Spaß beim Stöbern in der Stadtgeschichte.

Archivale Januar 2020

Die Chronik des St.-Georgs-Vereins Traunsteinin

Ein herausragendes Ereignis im Traunsteiner Jahreslauf mit einer Strahlkraft, die weit über die Grenzen der Stadt hinausreicht, ist ohne jeden Zweifel der Georgiritt am Ostermontag. Verantwortlich für diesen althergebrachten Brauch zeichnet der St.-Georgs-Verein Traunstein e. V., der mit berechtigtem Stolz auf eine mehr als 125 Jahre alte Tradition zurückblicken kann. Gegründet haben ihn am 17. Dezember 1891 der Stadtpfarrmesner Oswald Fürst (1853–1909), maßgeblich unterstützt von seinem Bruder, dem Kunstmaler und Heimatforscher Max Fürst (1846–1917). Sein satzungsgemäßer Zweck war damals und ist bis heute, „den von alters her am Ostermontag jeden Jahres abzuhaltenden [...] neu arrangierten Wallfahrtsritt nach Ettendorf, Georgi-Ritt genannt, zu erhalten und dafür zu sorgen, daß derselbe stets in feierlicher und würdiger Weise stattfinden kann.“ Die Gründerväter konnten sich auf historische Wurzeln berufen, genauer gesagt auf einen für das Jahr 1785 verbürgten Hinweis, wonach zu Ettendorf der gewöhnliche Ritt und ein von den Bauern bezahltes Amt stattgefunden hatten, und auf den in einer Kirchenrechnung von 1762 nachzulesenden Eintrag, dass man am Ostermontag die Pferdt zu gesegnen hiehero gebracht.

Organisierten im ersten Jahr noch 27 Idealisten, so das Traunsteiner Wochenblatt vom 19. April 1892, „in dekorativer Beziehung deutlich verschönerter Weise“ den Ritt, an dem bei „etwas derber, kühler Temperatur“ immerhin 176 Pferde teilnahmen, zählt der Verein heute über 600 Mitglieder, und stets werden weit über 300 prachtvolle Pferde (2011 waren es gar 480) von tausenden Zuschauern aus nah und fern bestaunt. 2017 wurde der Georgiritt zusammen mit dem Schwerttanz in das Bundesverzeichnis des immateriellen Kulturerbes der UNESCO aufgenommen.

Ausgezeichnete dokumentiert ist die Geschichte dieses Vereins – in sechs voluminösen Chronikbänden, die mit dem Gründungsjahr 1891 beginnen und bis 2010 lückenlos geführt wurden. Handschriftliche Einträge, Zeitungsartikel, Fotografien, Zeichnungen, Postkarten und Reklamemarken, ja sogar ganze Broschüren und Pläne führen darin dem Leser dessen Historie vor Augen – ein Schatz der Volkskunde und der Heimatgeschichte, der sich seit einigen Wochen im Stadtarchiv befindet.

„Die Chronik ist Eigentum des St. Georgsvereins Traunstein. Der jeweilige Schriftführer des Vereins hat für eine sorgfältige Aufbewahrung derselben Sorge zu tragen. Bei einer eventuellen Auflösung des Vereins sind die Bücher an das städt[ische] Archiv Traunstein zur Aufbewahrung zu übergeben.“ Dieser Vermerk des damaligen Schriftführers und ersten Chronisten Franz Büttner (1870–1947), als städtischer Angestellter lange Jahre auch Chronist der Traunsteiner Stadtgeschichte, findet sich jeweils am Anfang der ersten drei Bände. Er ist sowohl weitsichtig als auch im ersten Teil zutreffend.

Denn die Chronik ist nach wie vor Eigentum des Vereins, das Stadtarchiv sorgt lediglich für ihre sach- und fachgerechte Verwahrung und stellt sie in seinen Räumlichkeiten der Heimatforschung zur Verfügung. Aufgelöst aber hat sich der St.-Georgs-Verein natürlich nicht, ganz im Gegenteil: Er steht nach wie vor in voller Blüte. Allerdings hat sein 1. Vorsitzender, (der nach seinem Vater und Großvater inzwischen bereits dritte) Albert Schmied, erkannt, dass diese wertvollen Bände auf Dauer für die Nachwelt gesichert werden sollten, unabhängig von der weiteren Entwicklung des Vereins und seiner zukünftig handelnden Personen. Das Stadtarchiv ist für solche Anliegen immer offen und auch dankbar und garantiert als öffentlich-rechtliche Institution den Erhalt dieser historischen Dokumente.

Was man in ihnen alles finden kann, dafür soll als ein Beispiel das nachfolgende Foto stehen. Es zeigt „den Georgiritt im Jahr 1913 bei heftigem Schneegestöber“ und wurde vor der 1895 eröffneten und bis 1918 geführten „Spezereihandlung“ des Kramers und Gastwirts Georg Oberberger (1846–1923) in der Schützenstraße Hausnummer 25 aufgenommen.

Sollte nun der Eindruck entstanden sein, dass die Chronik des St.-Georgs-Vereins in unseren „digitalisierten“ Tagen nicht mehr nach altem Vorbild weitergeführt wird, so kann dieser – und auch dafür ist der Schreiber dieser Zeilen dankbar – sofort korrigiert werden. Der aktuell 7. Band der Chronik liegt derzeit in den Händen von Josef Parzinger. Dieser engagierte Heimatfreund ist nicht nur dem Georgiritt, den Schwerttänzern und den Schäfflern, sondern auch dem Heimathaus und dem Stadtarchiv seit Jahrzehnten eng verbunden und bereichert auch das Jahrbuch des Histori-schen Vereins immer wieder mit lesenswerten Beiträgen. Und falls dessen Seiten irgendwann einmal gefüllt sein werden, wird das Stadtarchiv diesen und selbstverständlich auch alle noch fol-genden Bände gerne bei sich aufnehmen.

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