Große Kreisstadt Traunstein Große Kreisstadt Traunstein

Stadt im 20. und 21. Jahrhundert

Spuren der Zeitgeschichte

„Zu einer imposanten Kundgebung patriotischen Empfindens gestaltete sich die gestrige Abschiedsfeier der Traunsteiner Krieger“ berichtete das Wochenblatt am 4. August 1914. Nur wenige Tage später musste es den „Tod des ersten Traunsteiner Feldzüglers“ vermelden; auf knapp 300 sollte die Zahl der Opfer in den nächsten vier Jahren anwachsen. Das neue Städtische Krankenhaus an der Cuno-Niggl-Straße wurde zum Lazarett des Roten Kreuzes und konnte erst 1919 wieder mit zivilen Patienten belegt werden. Das Ende des Ersten Weltkrieges bedeutete zugleich das Ende des Kaiserreiches. Den Wirren von Revolution und Räteregierung folgte die kurze Ruhephase der Weimarer Republik. 1919 entwaffnete die Einwohnerwehr des Chiemgaus den in der Stadt stationierten Soldatenrat. Im selben Jahr ersetzte ein Stadtrat das seit Jahrhunderten bestehende Zweikammersystem. Eine seiner ersten Verfügungen war die Herausgabe von Notgeld, das als Zahlungsmittel bis 1923 Gültigkeit hatte. Den Goldenen Zwanzigern trug man 1926 mit einem prunkvollen Stadtjubiläum Rechnung; 800 Jahre wurden gefeiert. Der höchst zweifelhafte historische Bezug wird dem aufmerksamen Leser nicht entgangen sein.

Die Wahlergebnisse dieser Zeit zeigen, dass die Traunsteiner Bevölkerung zwar einem nationalkonservativen Kurs zuneigte, nicht aber dem aggressiven antiparlamentarischen Nationalismus Hitlers. Nie erreichte die NSDAP im Stadtgebiet die Stimmenzahl der Bayerischen Volkspartei. Dennoch wehte auch hier am 10. März 1933 die Hakenkreuzfahne vom Rathaus. Eine 1922 gegründete Ortsgruppe der Nationalsozialisten hatte den Boden für die lokale Machtübernahme bereitet, der 1933 zunächst der Stadtrat und die politischen Parteien und 1935 Bürgermeister Dr. Georg Vonficht weichen mussten. Von der Gleichschaltung betroffen waren sämtliche Lebensbereiche, Vereine, Verbände und zuletzt auch die lokale Presse. Man arrangierte sich mit den Verhältnissen, nur wenige fanden die Kraft zu offenem Widerstand: Stadtpfarrer Josef Stelzle wurde kurzzeitig in Schutzhaft genommen, Rupert Berger, Ortsvorsitzender der BVP und 1946 erster gewählter Nachkriegsbürgermeister, nach Dachau eingeliefert und dort schwer misshandelt, ebenso Hans Braxenthaler, der aufrechte Kommunist und Gewerkschaftler, der 1937 von der Gestapo in den Selbstmord getrieben wurde. Im November 1938 wurden die jüdischen Mitbürger aus Traunstein vertrieben; Traunstein war „judenfrei“.

Die 1935 bezogene Kaserne der Reichswehr an der Wasserburger Straße war gleichsam ein Vorbote auf das bevorstehende Unheil des Zweiten Weltkrieges. 1939 hatte Traunstein etwa 11.500 Einwohner; sechs Jahre später mussten 523 von ihnen als gefallen, 73 als vermisst registriert werden. Schwere Bombenangriffe zerstörten im April 1945 das Bahnhofsviertel und forderten über 100 Menschenleben. Am 2. Mai 1945 durchquerte ein Zug mit jüdischen KZ-Häftlingen Traunstein. Tags darauf wurden 61 von ihnen in einem Wald bei Surberg von den SS-Wachmannschaften ermordet, nur einer überlebte das Massaker. Zeitgleich besetzten amerikanische Truppen die Stadt. Die kampflose Übergabe war der Vernunft und Einsicht einiger weniger zu verdanken, die unter Einsatz ihres Lebens die bereits vorbereitete Sprengung sämtlicher Brücken verhinderten.

Im Herbst 1946 besuchte ein Gruppe amerikanischer Zeitungsverleger und Journalisten Traunstein. Maurice Early fasste deren Eindrücke in einem Kommentar für den „Indianapolis Star“ unter dem Titel „Prewar Reich Haven Now Madhaus City“ (Vor dem Krieg eine Oase im Dritten Reich – jetzt ein Irrenhaus) wie folgt zusammen: „Dies war einmal eine ruhige kleine Stadt an den malerischen Vorbergen der bayerischen Alpen. Der Krieg und seine Folgen verwandelten sie in ein übervölkertes Irrenhaus hoffnungsloser Bewohner.“ Evakuierte, Flüchtlinge und Vertriebene suchten Zuflucht und überschwemmten die Stadt. 16.500 Menschen zählte die Gesamtbevölkerung 1945, ein Jahr später waren es 19.000. Nahezu alle öffentlichen und viele private Gebäude waren als Lazarett oder Lager zweckentfremdet. Die Kaserne beherbergte zeitweise über 2.000 jüdische „Displaced Persons“. Angeleitet von der Besatzungsmacht wurde mit den Kommunalwahlen am 27. Januar 1946 der Weg zur Demokratisierung der Gesellschaft beschritten und mit der Währungsreform am 20. Juni 1948 setzte der wirtschaftliche Aufschwung ein, zunächst noch zaghaft, doch: „Ein neuer Anfang ist [...] gemacht, ein Anfang, der uns hoffen läßt.“ Diese im Südost-Kurier, der von den Amerikanern lizensierten Zeitung geäußerte Hoffnung sollte sich bestätigen.

Schritt für Schritt gelang es, die Probleme der Nachkriegszeit zu bewältigen. Nördlich der Bahnlinie entstand der Stadtteil „Neu-Traunstein“, der schon 1952 eine eigene Kirche bekam. Von Oberammergau erwarb man eine Ausstellungshalle, die während der Passionsspiele zur Präsentation sakraler Kunst gedient hatte, und gestaltete sie zu einem Gotteshaus um. Am 1. Januar 1960 wurde Heilig Kreuz zur Pfarrei erhoben. 1957 hielt die Bundeswehr Einzug in die Kaserne an der Wasserburger Straße; Traunstein war (bis 1997) erneut Garnisonsstadt.

 

Traunstein ab den 1960er-Jahren

1960 hatte sich die Bevölkerung bei rund 15.000 eingependelt; bis 1970 sank sie auf knapp unter 14.000. Die Eingemeindung von Haslach, Hochberg, Kammer und Wolkersdorf 1972 bzw. 1978 ließ die Stadt in ihrer Fläche von bislang etwas über zehn auf 48,5 Quadratkilometer beachtlich anwachsen. Die Einwohnerzahl lag nun bei rund 17.000; 2016 überschritt sie die Grenze von 20.000. Mit Kammer wurde zudem auch ein weit über die Grenzen der Stadt hinaus berühmter Künstler ein Traunsteiner – zumindest posthum: Balthasar Permoser (1651–1732), einer der bedeutendsten Bildhauer des Barocks. In einer Liste der Persönlichkeiten, die man mit Traunstein in Verbindung bringen kann, ist vor ihm vielleicht noch der Skilangläufer Tobias Angerer, der bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen elf Medaillen gewann und zweimal den Gesamtweltcup für sich entschied, zu nennen, sicher aber Joseph Ratzinger, der im benachbarten Surberg aufwuchs, in Traunstein das Gymnasium besuchte, im Priesterseminar auf der Wartberghöhe wohnte und 1951 in Sankt Oswald Primiz feierte. Seit seiner Wahl zum Papst am 19. April 2005 ist Traunstein die „Vaterstadt“ von Benedikt XVI. Am 16. Juni 2005 verlieh ihm der Stadtrat die Ehrenbürgerwürde.

Es ist hier nicht der Ort, näher auf Traunsteins Werdegang nach 1945 einzugehen. Zu groß ist die ständig zunehmende Dichte der Ereignisse, zu gering die historische Distanz des Autors. Hervorzuheben ist die denkmalgerechte Sanierung bzw. der Neubau von Rathaus, Landgericht und Salzmaieramt 1995 bis 1998, fraglos ein „Meilenstein in der Entwicklung Traunsteins“. Dem parallel dazu neu gestalteten Stadtplatz verlieh der „Jacklturm“ eine besondere Note. Nach 150 Jahren war der vormalige untere Turm wieder auferstanden. Diese aufwändigen Projekte sollten auch einem Problem vorbeugen, an dem in unseren Tagen viele vergleichbare Kommunen leiden: dem langsamen Ausbluten der Innenstädte. Der Salinenpark in der Au, vom Förderverein Alt-Traunstein gegen die lauten Rufe nach baulicher Verdichtung durchgesetzt und 2019 mit Unterstützung eines honorigen Gönners verwirklicht, erinnert an die Salzgeschichte und ist ein (inzwischen willkommener) Ruhepol inmitten hektischer Betriebsamkeit. Und mit dem Campus Chiemgau entstehen in den nächsten Jahren auf dem Gelände rund um den Bahnhof unter Federführung des Landkreises ein neuer Hochschulstandort der Technischen Hochschule Rosenheim sowie Akademien der Industrie- und Handelskammer und der Handwerkskammer.

Wer mehr wissen möchte, dem sei ein Blick auf die Internetseite der Stadt Traunstein empfohlen. Dort informiert eine ständig fortgeschriebene Zeittafel auch über die Daten zur neueren Stadtgeschichte. „Traunstein [vertritt] die ländliche Einfalt“ – dieser Mitte des 19. Jahrhunderts von dem Maler, Schriftsteller und Ethnografen Joseph Friedrich Lentner (1814–1852) geäußerten Ansicht wird man sich danach kaum anschließen; dem Logo einer Imagebroschüre von 2010, wonach Traunstein das „Herz des Chiemgaus“ (war und) ist, hingegen schon. Dass es so bleibt, wird die Aufgabe der Zukunft sein.

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