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Stadt im Kurfürstentum

Die Gründung der Saline Au

1613 entdeckte man in Reichenhall ein neues, reichhaltiges „Salzflüssl“. Um aber diese Ressource vor Ort zu verarbeiten, fehlte es an Holz. Am 4. Januar 1616 verfügte Herzog Maximilian daher, die Sole „über das Gebirge“ nach Inzell und Siegsdorf und von dort nach Traunstein zu führen. Hier lieferten die Wälder der Umgebung den Brennstoff für die Sudpfannen im Überfluss. Hofbaumeister Hans Reiffenstuel (1548–1620) und sein Sohn Simon (1574–1620) konstruierten ein Rohrleitungssystem, ein technisches Meisterwerk aus mehr als 8.000 Deicheln, wobei sieben Pumpstationen auf 32 Kilometern gut 260 Meter Höhenunterschied überwanden. Gleichzeitig errichtete man auf dem „Pflegeranger“ der kaum besiedelten Au südlich unterhalb der Stadt eine Saline; Sudstätten, Härthäuser und Wohnungen entstanden in nur dreijähriger Bauzeit. 1619 wurde der Betrieb aufgenommen.

In allen heimatkundlichen Veröffentlichungen wurde die Saline als das Äquivalent zum Verlust des Salzhandels und ihr Gründer Maximilian als herausragender Gönner der Stadt dargestellt. Diese romantische Sichtweise muss man relativieren; sie greift zu kurz. Sicher darf man annehmen, dass am Bau auch heimische Handwerker gewinnbringend beteiligt waren. Und der Zuzug des Salinenpersonals erhöhte die Absatzmöglichkeiten des Gewerbes beträchtlich: Immerhin mussten „540 Personen groß und klein“ zusätzlich versorgt werden. Ansonsten war die Saline völlig autark. Als Hofmark bildete sie einen geschlossenen Rechts- und Verwaltungsbezirk unter der Aufsicht des Salzmaiers mit eigener Kirche, Schule und nicht zuletzt einem eigenen Wirtshaus. In der Stadt wohnten nur die hohen Salzbeamten und steigerten so das an Hausbesitz gebundene Steueraufkommen. Gleichzeitig aber dominierten sie mehr und mehr das gesellschaftliche Leben, wie eine Prozessionsordnung des 17. Jahrhunderts deutlich macht: Voraus gingen Pfleger, Salzmaier und Kastner, es folgten die landesherrlichen Beamten, die Bürgermeister wurden erst an zwölfter Stelle aufgeführt, „die 8 Eyssern Rath“ mussten sich hinten anstellen. Die Stadtväter erkannten diese Gefahren sehr wohl und wehrten sich gegen den staatlichen Großbetrieb – zumindest am Anfang und natürlich ohne Erfolg. Die kostenlose Zuteilung von Küchensalz und die Ausdehnung des Scheibenpfennigs auf die örtliche Produktion beruhigten die Gemüter. Aber noch lange sahen die alteingesessenen Bürger im wörtlichen wie übertragenen Sinn von oben auf die Au und ihre „Saliner“ herab.

    

Das Zeitalter der Gegenreformation


Auch in Traunstein selbst gab es seit 1611 mit dem Weißbierbrauhaus einen staatlichen Betrieb. Wie die Salzgewinnung war auch das Brauen von Weißbier ein landesherrliches Monopol mit hoher Gewinnerwartung. Das neue Modegetränk verdrängte den in Altbayern zu dieser Zeit üblichen Wein völlig. Auch für die bürgerlichen Braunbierbrauer waren die Hofbräuhäuser eine ernstzunehmenden Konkurrenz. Ihr Gerstensaft war nicht selten „gar schlecht“ oder verdorben und ging allzu früh zur Neige. Dann musste, um den Durst der Traunsteiner zu stillen, Bier aus Braunau, Trostberg oder Wasserburg importiert werden. „Traunstein und Erding, Vilshofen und Schärding sind in Bayern der Orte vier, wo man braut das beste Bier.“ Im 17. Jahrhundert war man davon noch weit entfernt.

Für (seit 1623) Kurfürst Maximilian, der dem Katholizismus untrennbar verbunden war, stand außer Frage, dass er sein Augenmerk auch und gerade auf die Religiosität seiner Untertanen zu richten hatte. Und mit der stand es in Traunstein nicht zum Besten. Der Kirchenbesuch war spärlich, an Sonn- und Feiertagen wurde „auf dem Plaz […] anstatt des Gebetts unnüz Geschwäz“ getrieben. Aber war es den Leuten zu verdenken, wenn schon der Klerus keinerlei Vorbildfunktion ausübte? Zwei Haslacher Pfarrherren mussten nacheinander ihres Amtes enthoben werden. Sigmund Taurmann wurde zum Verhängnis, dass er vom verbotenen Glücksspiel mit seinen Kooperatoren nicht lassen konnte. Noch ärger trieb es sein Nachfolger. Johann Froschmair hatte nicht nur eine Vaterschaft zu verantworten, sondern stellte trotz mehrmaliger Abmahnungen seine Liebesbeziehung auch in aller Öffentlichkeit zur Schau, unter anderem bei einer nächtlichen Schlittenfahrt während der Fastnacht: „Ein ganz unpriesterliches [...] Leben, daran die Gemain große Ärgernuss nimbt.“

Um diesen offensichtlichen Missständen abzuhelfen, sandte der Kurfürst 1627 die Kapuziner nach Traunstein. Sie gründeten 1628 die Corpus-Christi-Bruderschaft zur Pflege der Fronleichnamsprozession. 1630 errichtete man für die Mönche ein „Wohnungshäusl“, wo sie für mehrere Wochen im Jahr Quartier bezogen und nach dem rechten Glauben sahen. 1687 begannen westlich vor den Toren der Stadt, in unmittelbarer Nachbarschaft des 1639 dort geschaffenen Friedhofs, die Bauarbeiten für ein Kloster. Am 25. August 1690 wurde die Kirche der Allerheiligsten Dreifaltigkeit geweiht. Der Bettelorden konnte sich jetzt beständig um das Seelenheil des einfachen Volkes kümmern, sehr zum Leidwesen der Weltgeistlichen. Zurecht sahen sich diese von den wortgewaltigen Predigern in ihrem Einfluss beschnitten.

Von den Gräueltaten des Dreißigjährigen Krieges blieb Traunstein verschont. Kein feindlicher Soldat überschritt den Inn, die Einquartierung eigener Hilfstruppen, denen ein verheerender Ruf vorausging, verhinderte 1633/34 ein Aufstand der Chiemgauer Bauern. Machtlos waren die Menschen jedoch gegen die im Gefolge des Krieges grassierende Pest. Durch seuchenpolizeiliche Maßnahmen, unter anderem Pestwachen, versuchte die Obrigkeit, der tödlichen Krankheit Herr zu werden – vergebens. Im August 1635 brach die „laidige Sucht“ aus und kostete in wenigen Monaten 117 Menschen das Leben. Im Vergleich zu anderen Städten war man glimpflich davongekommen, doch war, wie überall im Land, das pulsierende Leben einer tiefen Depression gewichen.

 

     

Der Stadtbrand von 1704


Erstes sichtbares Zeichen einer Erholung war der 1675 begonnene und bis 1696 vollendete barocke Neubau der Oswaldkirche nach Plänen von Gaspare Zucalli, ausgeführt von Lorenzo Sciasca und Antonio Riva, klangvolle Namen der Graubündner Schule. Ganze acht Jahre konnten sich die Gläubigen ihrer Kirche erfreuen. Dann überzog der Spanische Erbfolgekrieg den Chiemgau. Am 25. und 26. Juli 1704 besetzten österreichische Truppen Traunstein. Eine hohe Brandschatzung sollte das Schlimmste verhindern. Doch die regulären Einheiten zogen am 22. August wieder ab. Zurück blieben die ungarischen Panduren, die als raub- und plünderungssüchtig gefürchtet waren. Noch in derselben Nacht zündeten sie die Stadt an zwei entgegengesetzten Punkten an und warfen brennende Pechkränze in die Häuser. Niemand durfte löschen. Erst nach wiederholtem Bitten erlaubte man den Einwohnern zu retten, was noch zu retten war. Auf rund 6.000 Gulden beliefen sich die Schäden.

Dieser Brand veränderte das mittelalterliche Stadtbild. Am 16. Juli 1707 konnte die notdürftig instandgesetzte Kirche erneut eingeweiht werden. Das Schaumburger Schloss und die Pflegveste aber waren dem Verfall preisgegeben und auch die Fortifikation erlangte nie mehr ihre ursprüngliche Wehrhaftigkeit. Bis 1715 stand Traunstein unter kaiserlich-österreichischer Verwaltung. Dennoch, die Stadt erholte sich und nahm im weiteren Verlauf des 18. Jahrhunderts das typische Ambiente vieler Inn-Salzach-Städte an – mit Laubengängen, Erkern und den charakteristischen hochgezogenen Scheinfassaden.

Eine einschneidende Neuerung brachte das ausgehende 18. Jahrhundert für die Saline. 1782 betraute Kurfürst Karl Theodor den Schweizer Salinenexperten Johann Sebastian Clais (1742–1809) damit, den Betrieb grundlegend zu modernisieren. Sichtbarstes Zeichen war das 1786/87 fertiggestellte kreuzförmige Sudhaus, benannt nach seinem Auftraggeber. Hinzu kamen weitere Neubauten wie Brunnhaus und Magazingebäude. Die jährliche Salzerzeugung stieg um durchschnittlich 30.000 Zentner an – bei deutlich geringerem Holzverbrauch. Das Aussehen der salinarischen Gesamtanlage hatte sich nachhaltig gewandelt, ihr Bestand aber war für weitere 100 Jahre gesichert.

Die älteste erhaltene Teilansicht des Traunsteiner Stadtplatzes bildet die nach dem Brand von 1704 neu errichtete Kirche Sankt Oswald und die südliche Häuserzeile ab. (Votivtafel, 1742, Wallfahrtskirche Maria Kirchenthal, Sankt Martin bei Lofer / Land Salzburg)
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